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Current Focus
Stalingrad / Volgograd 1943 / 2003
Memory - Remembrance
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Einführung
von
Wigbert Benz, Deutschland
Während
die Kampfhandlungen der Stalingrader Schlacht 1942/43 selbst, deren
Fakten und militärstrategischen Folgewirkungen, in einschlägigen
Studien deutscher und russischer Historiker als weitgehend aufgearbeitet
erscheinen, [1] münden die unterschiedlichen Formen des Kriegsgedenkens
und Erinnerns in Ost und West erst allmählich in einen Prozess
gegenseitigen Verstehens.
Hitlers „Unternehmen
Barbarossa“ kostete die ehemalige Sowjetunion mehr als zwanzig
Millionen Menschenleben. Stalingrad selbst führte zum Tod von
ca. 250000 deutschen Soldaten; die Menschenopfer der Sowjetunion
werden auf über eine halbe Million geschätzt. Diese unfassbar
hohe Zahl zerstörter Lebensgeschichten, mit ihren Verwüstungen
in den individuellen Erinnerungen Millionen Angehöriger, das
Trauma des deutschen Überfalls, die entsetzlichen Verheerungen
der Wehrmacht vermochte keine starke sowjetische Identität
im Sinne der Staatsführung zu entwickeln. Diese setzte auf
den letztendlichen Triumph, den Sieg über den Faschismus. Heroisches
Gedenken statt schmerzliche und lähmende Erinnerungen an die
Opfer sollten den Staat nach innen und außen handlungsfähig
machen. Stalingrad als Erinnerungsort stellt einen Kern dieses Heldengedenkens
dar: ein heroischer Denkmalkomplex einen Kilometer lang, der von
einer 90 Meter hohen Statue Mutter Heimat gekrönt wird. 438
Gedenkobjekte, d.h. Tafeln, Obelisken, Massengräber und Denkmale
hat Sabine Arnold im Rahmen bei ihren Recherchen für ihre Dissertation
gezählt. [2] Der Verbindung von Helden – und Stalinkult
folgte nach Stalins Tod der Massenheroismus: eine wahre Flut von
Publikationen stilisierte Frauen und Männer aus dem Volk zu
Helden, seien es heldenhafte Artilleristinnen, heldenhafte Sanitäterinnen
usw. „Irgendwann aber war es (=Stalingrad, W.B.)“, schreibt
Michael Jeismann, „vor allem etwas, das zu Ordensblechtapeten
auf der Brust von russischen Veteranenhelden wurde“. [3] Erst
Gorbatschows Perestrojka öffnete den Blick für eine (selbst-)kritische
Betrachtung, die aber bis heute vielfach gebrochen erscheint, so
z.B. bei der Instrumentalisierung der alten heroischen Erinnerungskultur
für den Krieg gegen Afghanistan. Dabei öffnet sich die
Schere zwischen den offiziellen heroischen Verlautbarungen und Erzählungen
der Kriegsheimkehrer weit. Bis heute lasten die traumatischen Erfahrungen
mit ihrer Spaltung in kollektives Gedenken und individuelles Erinnern
auf den verschiedenen Generationen der postsowjetischen Gesellschaft.
Angesichts der
totalen Niederlage 1945 hatte der von Goebbels geschaffene Mythos
der „Helden von Stalingrad“, deren „Opfer“
nicht umsonst gewesen sein dürfe, so dass das Aus- und Durchhalten
im Krieg zum Selbstzweck und jeder Gedanken an eine deutsche Kapitulation
zum Verrat an den gefallenen Helden wurde, keine Chance, das NS-Regime
zu überdauern. Die deutsche Gesellschaft sah sich mit Vorwürfen,
ein verbrecherisches Regime beim Holocaust und Vernichtungskrieg
durch aktive Teilnahme oder Duldung unterstützt zu haben, konfrontiert.
Während die DDR-Gesellschaft durch Identifikation mit dem widerständischen
Nationalkomitee Freies Deutschland und der den faschistischen Eroberungskrieg
zurückschlagenden Roten Armee sich nach 1945 als das „bessere
Deutschland“ zu präsentieren suchte, bedurfte es bei
der bundesdeutschen Gesellschaft nach einer anderen Entlastung von
ihrer Bewertung als Tätergesellschaft. Die geschlagene 6. Armee,
von einer verbrecherischen Staatsführung im Stich gelassen
und dem Tod durch Kälte, Hunger und Gegner ausgeliefert, mutierte
von ihrem Charakter als Eroberungsarmee bis weit in die überfallene
Sowjetunion hinein zur reinen Opfergemeinschaft. Romane mit unglaublicher
Massenauflage führten selektive individuelle Erinnerungen an
Not und Elend mit den gesellschaftlichen Bedürfnissen einer
Tätergesellschaft zusammen: „Im sektoral begrenzten Blick
auf die Kriegsleiden der Soldaten im Osten (...) wurde aus der Tätergesellschaft
in ihrem Selbstverständnis eine Opfergesellschaft“, wobei
die Menschen der überfallenen Sowjetunion immer wieder mit
einer Mischung antikommunistischer Stereotype und abwertender antislawischer
Menschenbilder etikettiert wurden, so dass die eigene Opferrolle
durch den unmenschlichen kommunistischen Gegner noch überhöht
wurde. [4] „Welche andere Chiffre (als Stalingrad, W.B.) im
Zusammenhang mit einem von Hitler entfesselten erbarmungslosen Vernichtungskrieg
hätte ihnen (den Deutschen, W.B.) eine bessere Chance geboten,
in die Rolle auch des Opfers zu schlüpfen“, wird im Leitartikel
eines großen deutschen Nachrichtenmagazins aktuell gefragt.
[5] Demgegenüber entrüstete der Versuch des Hamburger
Instituts für Sozialforschung in ihrer ersten „Wehrmachtsausstellung“
1995, die Blutspur der 6.Armee bei ihrem monatelangen Vormarsch
Richtung Stalingrad nachzuzeichnen und sich auch mit deren Verbrechen
zu beschäftigen, nicht nur die noch lebenden Wehrmachtsveteranen.
[6]
60 Jahre danach
scheint es um so dringlicher, die schon vor zehn Jahren angemahnten
Paradigmen einer angemessenen Diskussions- und Gedenkkultur um die
Stalingrader Schlacht in den Mittelpunkt zu rücken: [7]
- das auswegslose Leiden
des „kleinen Mannes“, der in ein militärisches
Herrschaftssystem eingezwängt war und nicht ausbrechen konnte;
- der Verlust der humanen Perspektive bei der politischen und militärischen
Führung des NS-Regimes;
- die äußerste Fragwürdigkeit des bedingungslosen
militärischen Gehorsams;
- die zerstörerischen Bewegungsgesetze eine „Volksgemeinschaft“,
die für ihr Zusammenleben das militärische Regelsystem
übernommen hatte;
- die Flucht aus den Realitäten in die propagandistisch erzeugte
Scheinwelt vom „Heldenepos“ und von der vermeintlichen
Verteidigung abendländischer Werte gegen den Bolschewismus;
- der Vernichtungscharakter des deutschen Eroberungskrieges gegen
die Sowjetunion.
Diese und andere Fragen
werden auf einer wissenschaftlichen Konferenz russischer und deutscher
Historiker an der Universität Wolgograd vom 3. bis 6.April
2003 erörtert. Das Großthema lautet: „Stalingrad
– Was haben Deutsche und Russen 60 Jahre danach gelernt.“
Von deutscher Seite werden teilnehmen: Norbert Frei (Bochum), Hans-Heinrich
Nolte (Hannover), Manfred Messerschmidt, Wolfram Wette, Gerd R.
Ueberschär, Julia Warth (alle Freiburg), Winfried Vogel (Bad
Breisig bei Bonn), Detlef Bald (München) und Wigbert Benz (Filderstadt).
Das genaue Programm dieser internationalen wissenschaftlichen Konferenz
wird alsbald nach Vorliegen hier publiziert; ebenso wie ein Bericht
über die Essenz der gehaltenen Vorträge.
Anmerkungen
1) Wegner, Bernd: Der
Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43. In: Das Deutsche Reich und
der Zweite Weltkrieg. Bd.6. Der globale Krieg. Die Ausweitung zum
Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941 – 1943. Hrsg.
v. Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Stuttgart 1990, S.761
– 1102; dort wird auch die relevante russische und deutsche
militärhistoriographische Literatur genannt.
2) Zum folgenden: Arnold, Sabine: Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis.
Kriegserinnerung und Geschichtsbild im totalitären Staat, Bochum
1998. Sabine Arnold hat im Rahmen ihres Dissertationsprojekts zwanzig
lebensgeschichtliche Interviews mit Veteranen der Stalingrader Front
geführt.
3) Wiederentdeckung einer Schlachterfahrung. Sechzig Jahre nach
Stalingrad. Eine vorbildliche historische Dokumentation in der ARD
zeigt den Krieg und die Menschen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung
v. 20.12.2002.
4) Vgl. Jahn, Peter: Russlandbild und Antikommunismus in der bundesdeutschen
Gesellschaft der Nachkriegszeit. In: Quinkert, Babette (Hg.): „Wir
sind die Herren dieses Landes“. Ursachen, Verlauf und Folgen
des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Hamburg 2002,
S.223 – 235, Zitat S.234; Peter Jahn, Leiter des Deutsch-Russischen
Museums in Berlin-Karlshorst, untersucht die Bücher von Bamm,
Kirst und Konsalik, die Millionen Leser fanden.
5) Hitlers Stalingrad. Vor 60 Jahren: Der Anfang vom Ende des Dritten
Reiches. SPIEGEL-Titel vom 16.12.2002, S.50 – 74, Zitat S.53.
6) Boll, Bernd /Safrian, Hans: Auf dem Weg nach Stalingrad. Die
6.Armee 1941/42. In: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht
1941 bis 1941. Hrsg. von Hannes Heer u. Klaus Naumann. Hamburg 1995,
S.260 - 296.
7) Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht. Herausgegeben
von Wolfram Wette und Gerd R. Ueberschär. Frankfurt a.M., S.11f.
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