Joerg Haider in historical perspective


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From: "H-SOZ-U-KULT (Borgmann)" h0249kdx@rz.hu-berlin.de
Date sent: Tue, 8 Feb 2000 11:21:23 +0100 (MEZ)
From: Anton Tantner a8805359@unet.univie.ac.at
Subject: Re: Essay: Austria's New Government and Joerg Haider, Pt.1+2

Liebe Kolleginnen und Kollegen von H-SOZ-U-KULT, eine kurze Ergaenzung zu Lonnie Johnsons Ausfuehrungen:

>There is nothing radical or spectacular about the coalition program that the
>OeVP-FPOe government has produced.

-Diese Aussage moechte ich durch Gegenueberstellung zweier Zitate (Umlaute sind aufgeloest) aus dem Koalitionspakt zumindest ein bisschen in Frage stellen:

1) "Die Bundesregierung bekennt sich zur Fortsetzung des Kurses der Sensibilitaet und der kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Es geht darum, vorbehaltlos aufzuklaeren, die Strukturen des Unrechts freizulegen und dieses Wissen an die nachkommenden Generationen als Mahnung fuer die Zukunft weiterzugeben. Was den Bereich der NS-Zwangsarbeit betrifft, wird die Bundesregierung im Lichte des Zwischenberichts der oesterreichischen Historikerkommission unter Beruecksichtigung der primaeren Verantwortung der betroffenen Unternehmen um sachgerechte Loesungen bemueht sein."

2) "Wiedergutmachung fuer Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Vertriebene" "Die Bundesregierung wird um sachgerechte Loesungen in den Fragen aller im Zuge des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit gezwungenen Personen, der oesterreichischen Kriegsgefangenen sowie der in der Folge der Benesch-Dekrete und Avnoj Bestimmungen nach OEsterreich vertriebenen deutschsprachigen Bevoelkerung bemueht sein."

-Ist es wirklich uebertrieben, diese Gleichsetzung von NS-Zwangsarbeit mit Kriegsgefangenschaft und Vertreibung als klassischen Revisionismus zu bezeichnen? Ich bitte um besondere Beachtung der zweimaligen Verwendung des Begriffs "sachgerechte Loesungen"; diese Formel taucht sonst an keiner anderen Stelle im Pakt auf. Ich frage mich auch, ob hier etwa eine Gegen-Historikerkommission zur bestehenden eingesetzt werden soll.

Ein weitere Passage aus dem Pakt laesst die unerwuenschte, in Oesterreich zumeist mit Weltverschwoerungsphantasmen verbundene "Einmischung von aussen" in einem anderen Licht erscheinen:

"Die Bundesregierung wird (...) die Anliegen und Interessen der altoesterreichischen Minderheiten im Ausland foerdern."

-Geht es nur mir so, dass ich "altoesterreichisch" als Newspeak fuer "volksdeutsch" lese und diesen Satz als Freibrief fuer deutschnationale Propaganda u. a. in EU-Beitrittsstaaten betrachte?

Den vollstaendigen Text des Regierungspakts finden Sie unter anderem auf den Web-Seiten der OeVP: http://www.oevp.at/bp/aktuell/files/reg2000/dl_files/regprg.rtf   [No longer valid - Ed.]

Hinweisen moechte ich ansonsten nur auf die Stellungnahme der oesterreichischen Rektorenkonferenz (weitere Stellungnahmen von wissenschaftlichen Organisationen und Verbaenden sind derzeit in Arbeit), die auch von der Begruessungsseite der Universitaet Wien zugaenglich ist: http://www.univie.ac.at/decl_de.html

Viele Gruesse, Anton Tantner Institut fuer Geschichte Universitaet Wien Dr. Karl Luegerring 1 A-1010 Wien