Date: Tue, 23 May 1995 10:20:45 -0500 Reply-To: H-NET List on German History Sender: H-NET List on German History From: H-GERMAN EDITOR Dan Rogers Subject: Querelles Allemandes 1 Submitted by: Walter Felscher The following is, in its entirety, taken from FAZ, Montag 8.Mai, Seite 12, Briefe an die Herausgeber. ----------------------------------------------------------------------- Prominentester Westdeutscher Wendehals Die offizielle Begruendung der Universitaet Tel Aviv fuer den Ehrendoktor an Juergen Habermas (FAZ vom 22.April) reizt zum Widerspruch. Immerhin hat Habermas einen "Weltruhm" "erlangt", indem er mit gefaelschten Zitaten unterstellte, was uns nun universitaetsamtlich entgegentoent: In den achtziger Jahren gab es keine "Tendenzen in der deutschen Historiographie, die Politik des dritten Reiches zu entlasten" und so weiter. Das konzedierte sogar sein Parteigaenger Juergen Kocka 1988 als "selbstverstaendlich", ohne je Konsequenzen einzuklagen: "Es hat kein ernstzunehmender Teilnehmer der Debatte die nationalsozialistischen Verbrechen geleugnet, verhamrlost oder gerechtfertigt." Wird Kocka zu seinem Manneswort stehen ? Der Historikerstreit war eine ideologisch-politische Verleumdungskampagne zur Verteidigung linker "kultureller Hegemonie", wie sie die SED nicht haette raffinierter inszenieren koennen. Antifaschistischer Anti-Antikommu- nismus lief auf Entlastung des Realsozialismus hinaus, dekretierte die Unvergleichbarkeit des Weltverbrechens Auschwitz (von keinem deutschen Historiker geleugnet) mit dem GULag (in selektiver Humanitaet diskret ignoriert), denunzierte strukturellen Vergleich als antikommunistisch und Nationalissozialismus-apologetisches Aufrechnen. Rufmord schonte noch nicht einmal den todkranken Andreas Hillgruber. Dem "Habermas-Verfahren" (Hillgruber) folgte Unterdrueckung der Sachdiskussion: Nachweise der Zitatenfaelschung und ideologischen Einaeugigkeit schwieg die "Neue Orthodoxie" tot. Selbst nach der Ost-Wende 1989/91, als die Zeitgeschichte ihre windigsten "Sach"argumente im Winde verwehte, setzten sie ihr Schweigen fort: Das Debakel des Realsozialismus samt Folgen, seit dem Afghanistankrieg vorauszusehen und vorausgesehen, nahmen sie vor 1989 nicht wahr, erklaerten es auch nicht historisch. Eingewickelt in ihre Dogmen und fliegenbeinzaehlende teutsche "Gesellschaftsgeschichte", taten sie wie die drei vietnamesischen Affen: Ihnen verging Hoeren und Sehen, hatten daher auch nichts zu sagen, weder vor noch nach dem Fall, ausser dem emotionalen Aufschrei "Nur kein deutscher Sonderweg" (Kocka), der Denunziation der Nation (Wehler) und Sottisen ueber "DM-Nationalismus". Freilich lernte auch Habermas dazu: Nach einer Schamfrist benutzte er das "rechte" Totalitarismus-Paradigma, als haette er nie anderes getan, ist also nach linker Logik nun auch "Rechter" oder gar "Renegat". Als prominentester westdeutscher Wendehals beschwoert er jetzt den "antitotalitaeren Konsens", als haette ihn durch indirekte Kommunismus- Apologie und Unterstellung der Nationalsozialismus-Apologie nicht selbst zerstoert. Wer solche Geschichtsklitterungen akademisch adelt, soll sich nicht einbilden, er wuerde damit der deutschen Demokratie einen Gefallen tun. Im Gegenteil: Unser Weltstar wird in narzistischer Selbstbespiegelung, reflektiert durch seine Welt-Fan-Gemeinde, noch weiter abheben, wird sich der Diskussion ueber seine Fehlleistungen wie die von ihm aufgeworfenen Sachprobleme weiter entziehen, wie seit sieben Jahren. Hoechstens wird er im fernen Tel Aviv einiges murmeln. Fuer eine Debatte zu fairen Bedingungen ist Habermas zu arrogant und intellektuell feige. Wer gegen unseren Kaiser mit den neuen Kleidern seine kritischen fuenf Sinne beisammenhaelt, wird nach unseren Diffamierungsmechanismen nun nicht mehr nur als "Rechter", "Renegat" (Wehler) oder armer Irrer abgestempelt, sondern auch als Antisemit - schoener "herrschaftsfreier Diskurs" (Habermas). Professor Dr. Immanuel Geiss, Bremen .