H. Glenn Penny III, "The Museum für Deutsche Geschichte and German National Identity," Central European History, 28:3 (1995): 343-372.

Reviewed by Karsten Borgmann

(originally published by H-German on 1 October 1996)


Museen sind Denkmäler für Ideologien. Auf wenige Einrichtungen trifft dieser Satz so zu, wie auf das vergangene nationale Geschichtsmuseum der DDR, das Museum für Deutsche Geschichte im Berliner Zeughaus (MfDG, 1952-1990). Historiker, Museologen und Parteifunktionäre arbeiteten hier über Jahre zusammen, um die vorgedachte Ideenwelt des Marxismus und Leninismus in ein anschauliches Geschichtsbild zu formen. H. Glenn Penny III hat Recht, wenn er fordert, die Ausstellungstrategien des Museums stärker als Quelle zur Geschichte der politisch-ideologischen Konzeptionen des SED-Staates heranzuziehen.

Die herausgehobene Bedeutung, die ein wissenschaftlich gesichertes Geschichtsbild für die politischen Machthaber in der DDR besaß, ist in neueren Arbeiten zur Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaften immer wieder angesprochen worden. Historiker wirkten entscheidend bei der offiziellen Traditionsbildung und Legitimitätsstiftung des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden mit. Laut H. Glenn Penny III wurde bislang allerdings zu wenig beachtet, daß das auf diese Weise produzierte Geschichtsbild weit davon entfernt war, ein statisches, unveränderliches System zu bilden. In der legitimitätsstiftenden Praxis der Historiker fanden sich im Laufe der Jahre charakteristische Veränderungen, die im nationalen Geschichtsmuseum der DDR noch deutlicher zutage traten, als in der Praxis der DDR-Geschichtsschreibung selber. Vor allem die Sonderausstellungen des Museums verdeutlichten, stärker noch als die permanente Ausstellung zur deutschen Geschichte, die Wechsel der "GDR identity politics".

Die zwischen 1952-1967 Schritt für Schritt installierte, ständige Ausstellung des Museums führte eine Geschichte des Klassenkampfes vor, in der die progressiven Kräfte des deutschen Volkes gegen die repressiven Kräfte der deutschen Bourgeoisie antraten. Am Ende dieses Konflikts stand die neue, deutsche sozialistische Republik. Das Museum präsentierte sich und die DDR somit als Endpunkt aller positiven Traditionen des gesamten Deutschlands. Deutlich trat aus dieser Konzeption der gesamtstaatliche Anspruch der SED Führung hervor, die den westdeutschen Teilstaat als Marionette amerikanischer Kulturpolitik denunzierte. Historiker lieferten der neuen sozialistischen Gesellschaft ein nationales Argument für die politische Auseinandersetzung, eine Karte, die nach der Niederlage der bürgerlichen Gesellschaft im Faschismus, weiter westlich der Elbe nicht so unbefangen gespielt werden konnte.

Während der fünfziger Jahre arbeiteten auf diese Weise 85 Historiker, Kuratoren und Konservatoren am Aufbau der ständigen Ausstellung. Das Ergebnis war ein auf konsistente mündliche, schriftliche und visuelle Präsentation zielender Gang durch die deutsche Geschichte in 7 Abteilungen, von der "Urgesellschaft" bis zur "wissenschaftlichtechnischen Revolution". Gruppenführungen, Textbücher und Lehrmaterialien für Schulklassen sollten die angestrebte konforme Wahrnehmung absichern. Dieser permanente Teil des historischen Displays im Zeughaus dürfte wohl der bekannteste Abschnitt der dortigen Ausstellungen gewesen sein. Er entstand in dieser Form in den ersten zehn Jahren des Museums und wurde Ende der sechziger Jahre nur leicht modernisiert. Er war bis zur 1990 erfolgten Übernahme des MfDG durch das westdeutsche Deutsche Historische Museum (D.H.M.) zu sehen.

Aufgrund der geringen Variation in der Dauerausstellung wurden Veränderungen der DDR Geschichtsproduktion eher in den Sonderausstellungen des Museums sichtbar, wie H. Glenn Penny III in seinem Aufsatz zeigt. Diese Ausstellungsereignisse ergänzten seit der Gründung des Museums den öffentlichen Vermittlungsauftrag der Institution. Veranstaltungen, wie beispielsweise zum "Karl-Marx Jahr" (1953), zur "Deutschen Stadt im Mittelalter" (1956) und "Zum 450. Jahrestag des Deutschen Bauernkrieges" (1975), hatten die Aufgabe, die öffentliche Aufmerksamkeit für das Museum immer wieder aufzufrischen. Darüberhinaus war es ihre erklärte Funktion "...mit der Würdigung des historischen Ereignisses, die aktuelle politische Aufgabenstellung zu verbinden" (Direktoren, 1972). Die Sonderausstellungen sollten also nicht nur die Vergangenheit erklären, sondern, noch stärker als die ständige Ausstellung, Richtlinien für politisches Handeln in der Gegenwart geben.

Deshalb wird der von H. Glenn Penny III festgestellte Wandel der offiziellen Geschichtsdarstellung in diesen Sonderausstellungen umso deutlicher. Der Autor zeigt, wie die Ausstellungen bis in die siebziger Jahre hinein noch die gesamtdeutsche, auf die Vereinigung aller fortschrittlichen Traditionen in einem sozialistischen Deutschland gerichtete, Perspektive bewahrten. In den achtziger Jahren wurde dann, laut Penny, diese Konzeption von einer stärker "internationalistischen" Orientierung abgelöst, die die deutsche Geschichte stets im Kontext der länderübergreifenden Entwicklung des Sozialismus zeigte.

Im Vergleich zweier dieser Sonderausstellungen "Deutschland von 1789-1871" (1962) und "Deutsche Geschichte, 1789-1917" (1982) wird dieser Bruch besonders deutlich. Erstere zeigte "Die Geschichte Deutschland im 19. Jahrhundert..." als "...Geschichte des Kampfes um die nationale Einheit..." (Katalog, 1962), in dem das deutsche Volk gegen antinationale Interessen der Bourgeoisie kämpfte. Zwanzig Jahre später wurde dagegen der Abschluß der Epoche durch ein welthistorisches Ereignis von internationaler Bedeutung bestimmt. Ferner wurde die Rolle russischer Truppen für das Ende der napoleonischen Vorherrschaft in Europa stärker herausgestellt und die Revolution von 1848 war nicht mehr ein zentrales Ereignis auf dem Weg zur nationalen Einheit, sondern eine von verschiedenen europäischen Revolutionen, die die konfliktreiche Herausbildung von Bourgeoisie und Proletariat begleiteten. Diese Tendenz zur "Internationalisierung" der Geschichtsdarstellung belegt Penny anhand von Beispielen aus verschiedenen anderen Ausstellungen, aber vor allem durch Wiedergabe programmatischer Erklärungen des Museumsleiters Wolfgang Herbst auf einem Festkolloquium zum zwanzigjährigen Bestehen des Museums 1972.

H. Glenn Penny gelingt es, den Wandel ideologischer Vorgaben in dem subtilen Medium der Museumsinszenierung aufzuzeigen. Auch ist es berechtigt, wenn er in einem Epilog "Museums, Myths, and Historians" anhand der ersten, 1990 realisierten Ausstellung des Deutschen Historischen Museums im alten Gebäude des MfDG darstellt, daß die ideologische Funktion populärer Geschichtsdarstellung auch nach einem kompletten Wechsel der Weltbilder vorhanden ist.

Fragen stellen sich mir allerdings nach der Bedeutung und Erklärung des oben dargestellten Wandels der offiziellen DDR Geschichtsbilder. In der englischen (amerikanischen) Terminologie neigen Begriffe wie "SED identity politics", "national identity construction", "promotion of history", "construction of historical narratives" dazu, die Legitimation von Herrschaft und die Steuerung der kulturellen Identität einer ganzen Gesellschaft mit der Kontrolle der offiziellen Geschichtschreibung gleichzusetzen. Auch der Autor rechnet, verständlicherweise, damit, daß die Geschichtsproduktion in Wissenschaft und Museum eine sehr weitgehende gesellschaftliche Wirkung hatte. Er vermutet, daß die "Internationalisierung" des Geschichtsbildes die Desintegration der DDR vorangetrieben und gleichzeitig eine aktiverere Rolle der ostdeutschen Bevölkerung im Vereinigungsprozeß verhindert hätte. (367) Aber wie populär war das "offizielle" Geschichtsbild wirklich?

Dieser Frage anhand öffentlicher Vermittlungsinstanzen für Geschichte, wie dem Museum, nachzugehen, ist auf jeden Fall der richtige Ansatzpunkt. Stellt sich hier heraus, daß Angebot und öffentliche Akzeptanz des musealen Geschichtsbildes zumindest in einem Wechselverhältnis standen, liesse sich tatsächlich auf eine "...reformulation of both the SED's historical legitimacy and the essential basis of GDR national identity..." (345f.) schließen. Meine Vermutung ist jedoch eher, daß das im Museum gezeigte hermetische Geschichtsbild nur begrenzt identitätsstiftende Funktion besaß. Anders als beispielsweise im Bereich der bildenden Kunst der DDR, wo sich ein hochkomplexes Zusammenspiel zwischen kulturpolitischen Vordenkern, verschiedenen Fraktionen professioneller Kunstkritiker, schillernden Künstlerpersönlichkeiten und einem Massenpublikum auf Kunstausstellungen ergab, bildete die Geschichte im Museum m.E. direkt ideologische Vorgaben des politischen Apparates ab. Natürlich gab es politikgeschichtliche Brüche, und diese sind ja schon oft beschrieben worden. Insofern würde ich den Wandel der Ausstellungsakzente weniger durch einem Wandel der grundlegenden Legitimationspraktiken des Regimes, als durch die parteiinterne Neuformulierung der Rahmenbedingungen erklären. Nicht umsonst verweist Penny in einer Fußnote darauf, daß das o.g. Festcolloquium 1972 teilweise wörtlich den Konsens des 8. Parteitags der SED wiedergab, auf dem der "...erste deutsche Arbeiter und Bauernstaat..." als "...aktiver Mitgestalter des revolutionären Weltprozesses ..." proklamiert wurde. Für die konsistente Umsetzung dieser Parole hatten die Verantwortlichen am Museum zu sorgen.

Dennoch ist Pennys Frage spannend, vor allem um die Grenzen des implizit postulierten Zusammenhangs von Geschichtskontrolle und gesellschaftlicher Herrschaft herauszufinden. Anders als in vielen anderen Bereichen historischer Forschung laufen in Deutschland ja noch genügend Zeitzeugen der DDR Geschichte herum. Das ein oder andere Wort eines Betroffenen hätte dem zu besprechenden Aufsatz gut getan.

Karsten Borgmann, Humboldt Universität zu Berlin

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