Wir möchten einer
großartigen religionsgeschichtlichen Bewegung gedenken, die zu unseren Lebzeiten
vor sich ging, im Abendlande aber noch sehr wenig beachtet wurde. Es ist
allerdings weit hinten in Persien, wo sie stattgefunden. Aber ein Prophet,
welcher ausnahmsweise von Anfang an in seiner Vaterstadt etwas galt, mit 28
Jahren den Tod erlitt, und doch schon seine Lehre über ganz Persien bis nach
Bagdad herunter und bis nach Indien hinein verbreitet
sah - eine neue Religion mit Hunderttausenden von
Anhängern und Tausenden von Märtyrern - , ein solcher
Prophet ist an sich schon aller menschlichen Theilnahme werth. Zudem ist durch
die blutigen, bis in neueste Zeit fortgesetzten Maßnahmen der persischen
Regierung die neue Religion nichts
Fußnote *) Als dieser Aufsatz sich in der Druckerei befand, erhielten
wir die Nachricht von dem Ableben des Verfassers. Diese Arbeit ist seine letzte
gewesen. Wir werden nicht unterlassen, Julius Braun's Verdienste um die
Wissenschaft zu würdigen. Red.
weniger als
beseitigt, sondern dürfte eine bedeutende Zukunft haben und möglicherweise
einmal das Morgenland umgestalten. Daß man früher so wenig Rücksicht darauf nahm
mag von der Mangelhaftigkeit der Nachrichten kommen. Aber jetzt liegen reiche
Mittel vor: das geist- und inhaltsreiche Werk des Grafen Gobineau, frühern
Gesandten in Persien (Les Réligions et Philosophies dans l'Asie centrale, 1865),
und die Mittheilungen von Mirza Kazem Beg (Professor zu Petersburg) im "Journal
asiatique" 1866. So weit auch die beiderseits benutzten Quellenschriften und
Erkundigungen oft aus einander gehen, so reichen sie doch aus, die Umrisse des
Ganzen und klare moralische Eindrücke zu gewinnen. Der Prophet der Babis, Mirza
Ali Mohammed aus Schiras, hatte schon als Handlungsgehülfe in der Hafenstadt
Abuschär am persischen Golf sich religiösem Sinnen (auch dem Lesen der
Evangelien in der Uebersetzung der protestantischen Missionäre) hingegeben.
Später strebte er, seinem
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innigsten
Andachtsbedürfniß bei dem Heiligengrabe zu Kerbela *) zu genügen, besuchte aber nebenbei die dortige Schule der
Scheichiten. Unvorbereitet tritt natürlich nichts in die Welt, und Bab's (Ali
Mohammed's) Lehre hätte so schnellen Fortschritt nicht machen können, wäre nicht
das dogmatische Gerüst des Islam fast bei allen Gebildeten durch die
pantheistische Weltanschauung des seit Jahrhunderten wuchernden Sufismus bereits
beseitigt gewesen. Jüngste Formation des Sufismus waren eben die Scheichiten,
die (unter dem Schutz von Husein's Grab vor Verfolgung sicher), Dank der
Sittenstrenge und Frömmigkeit ihres Gründers und der allgemeinen Mißbefriedigung
durch die Staatskirche, großartigen Anhang im schiitischen Osten gefunden hatten
**). Schon dort in Kerbela erregte der schöne junge, sittenreine,
oft seltsam menschenscheue Studirende der Theosophie, Ali Mohammed aus Schiras,
das größte Aufsehen. Einmal, nach vierzigtägigem Beten in der Moscheeruine der
benachbarten einstigen Stadt Kufa, soll er die Nachfolger, die er damals bereits
hatte, versichert haben: "Wer den Weg wissen will, der zu Gott führt, kann es
nur durch mich." Daher der Name "Bab" (Pforte), der von nun an ihm und seinem
Anhang verblieb. Die weitverstreuten Gemeinden der Scheichiten im Zusammenhang
mit Kerbela bildeten bereits eine Macht, als der nach Schiras zurückgekehrte
"Bab" von ihnen an die Stelle des verstorbenen Morschid oder Führers (Seïd
Kazem) erwählt wurde. Dort zu Schiras, wohin von Kerbela die Wundersage von dem
gotterleuchteten Jüngling schon vorausgeeilt war, wuchs vollends sein Nimbus
durch den heiligen Eifer, mit dem er die schlechten Sitten (zumal bei der
grundverdorbenen Geistlichkeit) rügte; durch sein eigenes Leben, das im
Einklange mit seiner Rede stand, und durch die geistige Ueberlegenheit, die er
im Disput mit den Mollahs zeigte. Bald war er zauberhaft beredet, bald wieder
orakelhaft oder völlig schweigsam; er suchte immer wieder die Einsamkeit und
wandelte wie ein Träumender oder Weltentrückter. Aber obgleich umgeben von
Huldigungen und bei jedem Ausgang begleitet von glaubensdurstigen Mollahs,
Handwerkern, Bauern (hätte der Prophet von Mekka es nur halb so leicht gehabt
als der Prophet von Schiras!), machte er doch vorerst von seiner scheichitischen
Führerschaft keinen Gebrauch zur Ankündigung einer neuen Religion. Nicht gegen
den Islam, sondern gegen die Laster der Geistlichkeit war seine Rede gerichtet.
Darum verklagten ihn Gouverneur und Geistlichkeit als staatsgefährlich in
Teheran ***). Aber auch Bab (von den Seinen "Hezret-e-Ala", "die
erhabenste Ho[heit",]
Fußnoten *)Grab von Mohammed's Enkel Husein (der dort gefallen),
Hauptwallfahrtsort der Perser, nordwestlich von der Stätte
Babylons. **)Gründer dieser Schule war Ahsay (Scheich Ahmed aus Ahsa in
Bahrein) zu Anfang dieses Jahrhunderts. Nach seiner Lehre durchdringt Gott das
Weltall, das von ihm ausströmt; alle Erwählten Gottes, alle Imame, alle
Gerechten sind Verkörperungen göttlicher Attribute ·. Ahsay's Schüler und
Nachfolger auf dem Lehrstuhl war Seïd Kazem, dessen Vorträge der junge Schiraser
zwar unregelmäßig, aber immerhin zum größten Stolz des Lehrers besuchte (Mirza
Kazem Beg. a. a. O.). ***)Ueber Bab's Thun und Leiden in jener ersten Zeit bleibt noch
Vieles unklar. Nach Gobineau hätte er sehr früh eine Pilgerfahrt nach Mekka
ausgeführt, und wäre erst auf dem Rückwege nach Kerbela gekommen. Seine beiden
ersten (und auf lange hinaus einzigen) Schriften sind ein Journal der Mekkareise
und ein mystischer Commentar zur Sure "Joseph", beide arabisch geschrieben und
von seinen Anhängern (nach Gobineau unverdient) über den Koran gestellt. Nach
den Quellen Mirza Kazem's hätte Bab die Pilgerfahrt erst von Schiras aus
unternommen, und wurde während seiner Abwesenheit von Mollah Hussein
Buschrewieh, einem der eifrigsten Scheichiten, für den "Sahib az Zeman" (den
"Herrn der Zeit", vergl. "Globus" 1868, "die Ismaelies"), den längst erwarteten
Erlöser und Führer (Mahdi) erklärt. Darauf hin habe man den auf der Rückkehr von
Mekka zu Abuschär gelandeten "Mahdi" verhaftet (1844), nach Schiras und Isfahan
geschleppt, auch mißhandelt ·. Ohne Zweifel wä[ren auch die Widersprüche in
unseren evangelischen Schriften größer, hätte man eine umfassendere Sammlung
zugelassen.]
Fußnoten *)Ausgearbeitet hat er die Artikel des neuen Glaubens erst
während seiner letzten Gefangenschaft im Fort Tjehrig (in Ghilan, am Südwestufer
des Kaspischen Meeres), als der Tod ihm schon gewiß war (1848), unter dem Titel
"Auseinandersetzung" (Binyan), Bei Gobineau ist eines dieser Bücher mitgetheilt;
wer aber den geheimen, von den Babis angenommenen Sinn der Worte nicht versteht,
wird wenig daraus gewinnen. **)Einer der scheußlichsten Mißbräuche geistlicher Würde ist die
in Persien übliche Betheiligung der Mollahs an der sogenannten "Zeitehe", die
nur eine Viertelstunde zu dauern braucht und für wenige Kupferstücke eingesegnet
wird. Zu diesem Zweck sitzen Mollahs vor den öffentlichen Häusern.
letzter nicht
minder mörderischer Kampf geschah um die Stadt Zendschan (in Adserbeidschan).
Auch dort thaten die früher friedlichen Bürger Wunder von Tapferkeit; ihr
Anführer, der Mollah Mohammed Ali Zendschani, ertheilte, tödtlich verwundet
durch eine Kugel und den Einsturz seines Hauses, seine letzten Weisungen,
versicherte, er werde in vierzig Tagen wieder auferstehen, und starb lächelnd.
Die endlich zur Uebergabe gezwungenen Bürger wurden, wie anderwärts, trotz des
versprochenen Pardons, aufs Grausamste umgebracht *). Nach all dem konnte auch Bab's eigenes Schicksal nicht
zweifelhaft sein. Zwar hatte er niemals zum Aufstand aufgefordert, trug aber
ohne Murren die Folgen des Vorgehens seiner Schüler. Zum Schein stellte man ihn
noch einmal vor Gericht (zu Tebris); dort haben die Mollahs (welche erklärten,
es sei jetzt keine Zeit mehr zum Disputiren) und der vorsitzende Prinz keine
bessere Rolle gespielt, als einst die Richter Christi. Bab mußte sterben, schon
um der Secte zu zeigen, daß er sterblich sei. Man schleppte ihn in Ketten mit
zwei zugleich verurtheilten Schülern unter dem Hohn und den Mißhandlungen des
moslimschen Pöbels erst endlos lange durch Stadt und Bazar. Aus diesem Gange
erlebte Bab noch den Schmerz; daß der mitverurtheilte Seïd Hussein, um sich zu
retten, ihm fluchte und ins Gesicht spie. Man gab den Abtrünnigen frei; aber der
andere Schüler, der mit Bab sterben sollte, Mollah Mohammed Ali, jung, reich,
und auch durch seine junge Frau, die man kommen ließ, und seine Kinder nicht zu
erschüttern, küßte innigst die Hände seines Meisters und rief: "Dieser ist die
Pforte der Wahrheit, der Imam des Islam." Beinahe wäre sogar der Nachweis von
Bab's Sterblichkeit mißlungen. Die Kugeln, die ihn treffen sollten, zerrissen
nur die Stricke, in denen er an der Festungsmauer aufgehangen war, so daß Bab
frei auf die Füße zu stehen kam. Hätte er nun die Geistesgegenwart besessen,
dies als Wunder geltend zu machen, dann wäre, bei der Stimmung des zuschauenden
Volkes, noch ein unberechenbarer Erfolg möglich gewesen. Aber der Prophet, von
den Qualen betäubt, machte einen kopflosen Fluchtversuch, wurde von den Soldaten
(man hatte aus Vorsicht eine christliche Compagnie gewählt) eingeholt und
niedergemacht (19. Juli 1849). Alles schien beruhigt, als im Jahre 1852 der
Schah Nasireddin bei einem Spazierritte von drei Männern (Babis) angegriffen
wurde. Sie feuerten ihre Pistolen auf ihn ab und wollten ihn vom Pferde reißen,
als des Schahs zaghaftes Gefolge endlich zu Hülfe kam. Einer der Babis wurde
niedergehauen; die anderen bekannten nichts, als daß ihre Chefs, die außerhalb
Persiens seien, ihnen befohlen hätten, dem Schah den Kopf abzuschneiden. "Was
unsere Chefs wollen, ist gerecht, weil sie es wollen; wir selber sind nicht
verantwortlich" **) Nun war die Sorge groß; man wußte nicht, wie weit die Secte
durch alle Stände, vielleicht bis in die Nähe des Schahs sich erstreckte.
Haussuchungen wurden gehalten, alles irgend Verdächtige aufgegriffen, und um nun
diejenigen Babis, die in dieser oder jener Abtheilung von Civil- oder
Militärdienst etwa verborgen seien, bei der Secte selbst zu verdächtigen, wurde
verordnet, daß jede dieser Abtheilungen an der Hinrichtung von wenigstens einem
Babi
Fußnoten *)Drei Gefangene ließ der damals allmächtige Staatslenker Mirza
Taghy Khan nach Teheran bringen und ihnen dort die Adern öffnen. Sie sollen ihm
dasselbe Schicksal prophezeit haben /Gobineau a. a. O.). So viel ist sicher, daß
es ihn traf. **)Nach Bab's Tod hatten die in Teheran versammelten Häupter der
Secte den sechzehnjährigen Mirza Jahya (wegen gewisser äußerer Abzeichen und
moralischer Eigenschaften) zum Nachfolger Bab's erwählt. Er führt den Titel
"Ewige Hoheit" und residirt in Bagdad.
Theil zu nehmen
habe *). Nun suchten zumal die Unterbeamten, um ihre Loyalität zu
beweisen, sich in Grausamkeiten zu überbieten **). Unvergeßlich ist selbst in Teheran
Fußnoten *)Nach Polak (Persien, f, 153) mußte der Kriegsminister mit
seinen Adjutanten das Todesurtheil an Gurret ul Aïn vollziehen, die man im Hause
des Suleiman Khan, eines reichen Babi, gefunden. Nach Anderen (Petermann, Reisen
·, ff, 282) wäre sie von Bagdad, wohin sie entkommen war, und wo sie von den
Ihrigen abgöttisch verehrt wurde, durch einen Pascha ausgeliefert worden, und
Hunderte von Bekennern seien freiwillig nachgefolgt. Jedenfalls schreitet die
Mythenbildung rasch. Gurret ul Aïn wurde im Hause des Kalenters
(Polizeiministers) verwahrt, und dieser, selber bezaubert, verkündet ihr eines
Tages vergnügt: "Sie brauche morgen vor Gericht auf die Frage, ob sie Babi sei,
nur einfach zu antworten: Nein. Dann werde man sich zwar wundern, sie aber
freilassen. " Sehr verwundert aber war er selber, zu hören, daß Gurret ul Aïn
nicht vorhabe, nein zu sagen. Sie soll nicht nur ihren eigenen Tod (lebendig
verbrannt werden am nächsten Mittag) sondern auch dem Kalenter den seinigen,
gleichfalls gewaltsamen, vorausgesagt haben (Gobineau a. a. O.). Der letztere
erfolgte auf Befehl des Schahs im Jahre 1861 bei Gelegenheit von
Hungersnothunruhen in Teheran (Näheres in Brugsch's Reise nach
Persien). **)Dem Suleiman Khan nagelte man nach anderen Qualen glühende
Hufeisen an die nackten Füße, zwang ihn durch Peitschenhiebe zum Tanz, und trieb
ihm endlich die ausgerissenen Zähne halbmondförmig in den Schädel (Vambery,
Wanderungen in Persien), --- Alles zur höhern Ehre des Koran und Nasireddin
Schahs, "des Punktes, zu welchem die Welt sich neigt."
Fußnote *)Auch aus neuerer Zeit (Sommer 1887) meldet man aus Persien,
daß die Verfolgung der Babis immer noch fortdauere. Sie sollten ihrem Propheten
fluchen, ließen sich aber lieber zu Tode martern und starben mit der
Versicherung, sie würden in dreimal vierzig Tagen wieder
aufleben.