Interior of House of the Bab

Julius Braun
Bab und die Babis
Globus; illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, vol. 16, no. 2 (1869):22-25..

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Bab und die Babis.

Von Julius Braun *).


   Wir möchten einer großartigen religionsgeschichtlichen Bewegung gedenken, die zu unseren Lebzeiten vor sich ging, im Abendlande aber noch sehr wenig beachtet wurde. Es ist allerdings weit hinten in Persien, wo sie stattgefunden. Aber ein Prophet, welcher ausnahmsweise von Anfang an in seiner Vaterstadt etwas galt, mit 28 Jahren den Tod erlitt, und doch schon seine Lehre über ganz Persien bis nach Bagdad herunter und bis nach Indien hinein verbreitet sah  -  eine neue Religion mit Hunderttausenden von Anhängern und Tausenden von Märtyrern  -  , ein solcher Prophet ist an sich schon aller menschlichen Theilnahme werth. Zudem ist durch die blutigen, bis in neueste Zeit fortgesetzten Maßnahmen der persischen Regierung die neue Religion nichts
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Fußnote
   *) Als dieser Aufsatz sich in der Druckerei befand, erhielten wir die Nachricht von dem Ableben des Verfassers. Diese Arbeit ist seine letzte gewesen. Wir werden nicht unterlassen, Julius Braun's Verdienste um die Wissenschaft zu würdigen.   Red.


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weniger als beseitigt, sondern dürfte eine bedeutende Zukunft haben und möglicherweise einmal das Morgenland umgestalten. Daß man früher so wenig Rücksicht darauf nahm mag von der Mangelhaftigkeit der Nachrichten kommen. Aber jetzt liegen reiche Mittel vor: das geist- und inhaltsreiche Werk des Grafen Gobineau, frühern Gesandten in Persien (Les Réligions et Philosophies dans l'Asie centrale, 1865), und die Mittheilungen von Mirza Kazem Beg (Professor zu Petersburg) im "Journal asiatique" 1866. So weit auch die beiderseits benutzten Quellenschriften und Erkundigungen oft aus einander gehen, so reichen sie doch aus, die Umrisse des Ganzen und klare moralische Eindrücke zu gewinnen. Der Prophet der Babis, Mirza Ali Mohammed aus Schiras, hatte schon als Handlungsgehülfe in der Hafenstadt Abuschär am persischen Golf sich religiösem Sinnen (auch dem Lesen der Evangelien in der Uebersetzung der protestantischen Missionäre) hingegeben. Später strebte er, seinem


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innigsten Andachtsbedürfniß bei dem Heiligengrabe zu Kerbela *) zu genügen, besuchte aber nebenbei die dortige Schule der Scheichiten. Unvorbereitet tritt natürlich nichts in die Welt, und Bab's (Ali Mohammed's) Lehre hätte so schnellen Fortschritt nicht machen können, wäre nicht das dogmatische Gerüst des Islam fast bei allen Gebildeten durch die pantheistische Weltanschauung des seit Jahrhunderten wuchernden Sufismus bereits beseitigt gewesen. Jüngste Formation des Sufismus waren eben die Scheichiten, die (unter dem Schutz von Husein's Grab vor Verfolgung sicher), Dank der Sittenstrenge und Frömmigkeit ihres Gründers und der allgemeinen Mißbefriedigung durch die Staatskirche, großartigen Anhang im schiitischen Osten gefunden hatten **). Schon dort in Kerbela erregte der schöne junge, sittenreine, oft seltsam menschenscheue Studirende der Theosophie, Ali Mohammed aus Schiras, das größte Aufsehen. Einmal, nach vierzigtägigem Beten in der Moscheeruine der benachbarten einstigen Stadt Kufa, soll er die Nachfolger, die er damals bereits hatte, versichert haben: "Wer den Weg wissen will, der zu Gott führt, kann es nur durch mich." Daher der Name "Bab" (Pforte), der von nun an ihm und seinem Anhang verblieb. Die weitverstreuten Gemeinden der Scheichiten im Zusammenhang mit Kerbela bildeten bereits eine Macht, als der nach Schiras zurückgekehrte "Bab" von ihnen an die Stelle des verstorbenen Morschid oder Führers (Seïd Kazem) erwählt wurde. Dort zu Schiras, wohin von Kerbela die Wundersage von dem gotterleuchteten Jüngling schon vorausgeeilt war, wuchs vollends sein Nimbus durch den heiligen Eifer, mit dem er die schlechten Sitten (zumal bei der grundverdorbenen Geistlichkeit) rügte; durch sein eigenes Leben, das im Einklange mit seiner Rede stand, und durch die geistige Ueberlegenheit, die er im Disput mit den Mollahs zeigte. Bald war er zauberhaft beredet, bald wieder orakelhaft oder völlig schweigsam; er suchte immer wieder die Einsamkeit und wandelte wie ein Träumender oder Weltentrückter. Aber obgleich umgeben von Huldigungen und bei jedem Ausgang begleitet von glaubensdurstigen Mollahs, Handwerkern, Bauern (hätte der Prophet von Mekka es nur halb so leicht gehabt als der Prophet von Schiras!), machte er doch vorerst von seiner scheichitischen Führerschaft keinen Gebrauch zur Ankündigung einer neuen Religion. Nicht gegen den Islam, sondern gegen die Laster der Geistlichkeit war seine Rede gerichtet. Darum verklagten ihn Gouverneur und Geistlichkeit als staatsgefährlich in Teheran ***). Aber auch Bab (von den Seinen "Hezret-e-Ala", "die erhabenste Ho[heit",]
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Fußnoten
   *)Grab von Mohammed's Enkel Husein (der dort gefallen), Hauptwallfahrtsort der Perser, nordwestlich von der Stätte Babylons.
   **)Gründer dieser Schule war Ahsay (Scheich Ahmed aus Ahsa in Bahrein) zu Anfang dieses Jahrhunderts. Nach seiner Lehre durchdringt Gott das Weltall, das von ihm ausströmt; alle Erwählten Gottes, alle Imame, alle Gerechten sind Verkörperungen göttlicher Attribute ·. Ahsay's Schüler und Nachfolger auf dem Lehrstuhl war Seïd Kazem, dessen Vorträge der junge Schiraser zwar unregelmäßig, aber immerhin zum größten Stolz des Lehrers besuchte (Mirza Kazem Beg. a. a. O.).
   ***)Ueber Bab's Thun und Leiden in jener ersten Zeit bleibt noch Vieles unklar. Nach Gobineau hätte er sehr früh eine Pilgerfahrt nach Mekka ausgeführt, und wäre erst auf dem Rückwege nach Kerbela gekommen. Seine beiden ersten (und auf lange hinaus einzigen) Schriften sind ein Journal der Mekkareise und ein mystischer Commentar zur Sure "Joseph", beide arabisch geschrieben und von seinen Anhängern (nach Gobineau unverdient) über den Koran gestellt. Nach den Quellen Mirza Kazem's hätte Bab die Pilgerfahrt erst von Schiras aus unternommen, und wurde während seiner Abwesenheit von Mollah Hussein Buschrewieh, einem der eifrigsten Scheichiten, für den "Sahib az Zeman" (den "Herrn der Zeit", vergl. "Globus" 1868, "die Ismaelies"), den längst erwarteten Erlöser und Führer (Mahdi) erklärt. Darauf hin habe man den auf der Rückkehr von Mekka zu Abuschär gelandeten "Mahdi" verhaftet (1844), nach Schiras und Isfahan geschleppt, auch mißhandelt ·. Ohne Zweifel wä[ren auch die Widersprüche in unseren evangelischen Schriften größer, hätte man eine umfassendere Sammlung zugelassen.]



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genannt) schrieb an den Schah (Mohammed), bewies seinen Prophetenberuf aus seinem Erfolg, und bat um Erlaubniß, in der Hauptstadt selber mit allen Mollahs des Reiches disputieren zu dürfen. Werde er besiegt, so unterwerfe er sich jedem Urtheil des Königs ·. In der That war Hadsi Mirza Aghassy (Mohammed Schah's Minister und selbst ein wunderlicher Heiliger) nicht abgeneigt, bis man ihn auf die unabsehbaren Gefahren aufmerksam machte, die aus einem Religionskriege, Umsturz des Islam und den noch unbekannten letzten Absichten der Babis für den morschen Staat erwachsen könnten. Nun verfügte der Minister: "Ali Mohammed (Bab) habe bis auf Weiteres sein Haus in Schiras nicht zu verlassen." Auch dies war ein Triumph für die Babis. Die Schwäche des Islam hatte man eingestanden, und dem Verkehr des im Hausarrest befindlichen Propheten mit den Seinigen stand nichts im Wege. Inzwischen scheint auch Bab's dogmatisches System gereift zu sein
*). Wir finden da wieder eine grenzenlose Urgottheit, aus welcher ein begrenzter Schöpfergeist (Logos) hervorgeht. Dieser ist nicht Gott, weil er nicht dessen Eigenschaften alle mitbekommen, aber auch nicht getrennt von Gott. Ueberhaupt Alles, was besteht, Gestalt und Namen hat, ist in Gott, ist aus ihm hervorgegangen, aber geringer, unvollständiger als er. Am Tage des jüngsten Gerichts wird die Vereinigung mit Gott wieder vollzogen und volles Erkennen Gottes ist dann erst möglich. Unterdessen strebt aber die unwissende Natur bereits nach Erkenntniß, und Gott ertheilt solche mit der Vorsicht, wie die irdische Schwäche sie erfordert, durch die Offenbarungen der Propheten. Propheten unterscheiden sich von der übrigen gottentstammten Welt dadurch, daß sie nicht so weit entfernt von Gott, und in beständigem Zusammenhang mit ihm sind. Auf die immer vollständigeren Offenbarungen durch Moses, Jesus, Mohammed folgte Bab als der Prophet des Jahrhunderts. Aber auch er ist der letzte nicht und stellt z. B. keine Kibla (Gebetsrichtung) auf, weil dies erst der größere Offenbarer thun wird. Dann aber ist die Zeit nahe, da die Welt in den Busen der Gottheit zurückkehrt. Noch wichtiger als eine Glaubenslehre, wie sie ähnlich im Gewoge der sufischen Systeme (und zwar aus altheidnischer Erinnerung) schon öfter aufgetaucht, sind Bab's praktische Reformen. Was in Persien am meisten fehlt, sollte jetzt endlich gegründet werden,  d i e  F a m i l i e. Bab verbot die Ehescheidung (die in mohammedanischen Ländern jährlich und täglich ein so ungeheures Contingent ins Lager des Verderbens liefert) und verbot das Halten von "Frauen auf Zeit" **). Eine zweite Frau zur ersten zu nehmen, war zwar nicht untersagt, wurde aber nur ungern gesehen. In Folge der moralischen Hebung und socialen Gleichstellung des weiblichen Geschlechts braucht es denn keinen Schleier mehr. Die heuchlerischen äußeren Andachtsformen, die Waschungen, die doch nur Schein und von den Geistlichen oft mitten in den liederlichsten Gelagen halbtrunken ausgeführt (vergleiche Vambery, "Wanderungen in Persien"), überhaupt der ganze
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Fußnoten
   *)Ausgearbeitet hat er die Artikel des neuen Glaubens erst während seiner letzten Gefangenschaft im Fort Tjehrig (in Ghilan, am Südwestufer des Kaspischen Meeres), als der Tod ihm schon gewiß war (1848), unter dem Titel "Auseinandersetzung" (Binyan), Bei Gobineau ist eines dieser Bücher mitgetheilt; wer aber den geheimen, von den Babis angenommenen Sinn der Worte nicht versteht, wird wenig daraus gewinnen.
   **)Einer der scheußlichsten Mißbräuche geistlicher Würde ist die in Persien übliche Betheiligung der Mollahs an der sogenannten "Zeitehe", die nur eine Viertelstunde zu dauern braucht und für wenige Kupferstücke eingesegnet wird. Zu diesem Zweck sitzen Mollahs vor den öffentlichen Häusern.



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Begriff religionsgesetzlicher Reinheit (der sich so gut mit allem physischen Schmutz verträgt) wird abgeschafft. Von feindlicher Seite sagte man den Babis allerdings nach, sie hätten auch Gemeinschaft der Güter, selbst der Frauen, verlangt. Das wäre nicht in Bab's Geist, obgleich er nicht gezögert hat, während seiner Gefangenschaft im Fort Tjehrig (nachdem seine Anhänger dann doch einmal losgeschlagen) zu verfügen: "Dem Ungläubigen werdet Ihr sein Besitzthum nehmen; wird er gläubig, dann gebt es zurück." In Persiens Provinzen darf der Unglauben nicht geduldet werden. Noch einmal ward der Versuch gemacht, den Hof von Teheran zu gewinnen. Mollah Hussein Buschrewieh, einer von Bab's achtzehn Aposteln, erschien vor Mohammed Schah, zwar mit Betheuerungen der Unterwürfigkeit, aber doch nicht ohne Hinweis, daß es besser sei, einen Meister von solchem Erfolg zum Freund als zum Feind zu haben. Auch andere große Fürsten, Schah Akbar zu Delhi, Schah Ismael und Nadir seien schon im Begriff gewesen, Religionen über die Grenzen des Islam hinaus zu gründen. Eine solche, die der bisherigen Absonderung von Europa (Verabscheuung der Frengis als unrein, Vielweiberei ·.) ein Ende mache, sei gerade jetzt an der Zeit; Schah Mohammed, wenn er darauf eingehe, könne sich ewigen Ruhm erwerben ·. Aber Schah Mohammed, schwach, trübsinnig und von Gicht geplagt, war nicht begierig nach den Mühen und Sorgen eines solchen Ruhmes, so gleichgültig ihm auch der Islam war. Der Apostel wurde aus Teheran verwiesen. Um so größer war der Erfolg in der Provinz, zumal den Nordprovinzen, deren Bevölkerung nicht zu der feigen iranischen Race gehört, sondern turanischer Herkunft ist. Der unerhörteste aller Apostel aber war eine junge Frau von bezaubernder Schönheit, Tochter eines Rechtsgelehrten zu Kazwin (in Adserbeidschan), hochgebildet und unbescholten. Kein Flehen ihrer Familie vermochte sie abzuhalten, öffentlich und ohne Schleier predigend aufzutreten. Gewöhnlich heißt sie "Gurret ul Aïn" (Augenwonne); die Babis nennen sie: "Ihre Hoheit, die Reine". Gurret ul Aïn's Reden über das neue Licht und Gesetz, über die Pflichten und die bessere Zukunft der Frauen ·. waren nicht blumig, wie der derzeitige so äußerst abgeschmackte Redestil der Perser, sondern einfach und tief erschütternd. Sie hat ganze Bevölkerungen mitgerissen, --- ohne übrigens selber jemals den Bab gesehen zu haben, mit dem sie nur in brieflichem Verkehr stand. In Chorassen (der Ostprovinz) kam es in Folge von Mollah Hussein Buschrewieh's Feuereifer zuerst zu blutigen Zusammenstößen. Dort reichten die Kräfte noch nicht aus; aber in Masenderan (dem Küstenstrich am Kaspischen Meere) befestigte der Mollah, jetzt an der Spitze von 2000 Mann, den Wallfahrtsort Scheich Tebersi mit einem Walle von Baumstämmen und Steinen, um von hier aus seine Mission zu betreiben, d. h. Masenderan zu beherrschen. "Es sei die höchste Zeit zum Uebertritt," versicherte man, "später gehöre alles den Babis." Inzwischen aber hatte Nasireddin Schah nach Mohammed Schahs Tod und der landesüblichen Anarchie, wie sie den Tod eines Schah zu begleiten pflegt, den persischen Thron eingenommen; sein Minister Mirza Taghy Khan war entschlossen, der Unordnung ein Ende zu machen. So leicht ging das allerdings nicht. Die Aufgebote der Provinz, die Truppen des Schah, die königlichen Prinzen, die gegen Scheich Tebersi zogen, erlitten durch die nächtlichen Ausfälle Mollah Hussein's eine Niederlage um die andere. Aber von einem seiner Siege kehrte der abgöttisch verehrte Apostel mit zwei Todeswunden in der Brust zurück; der Rest seiner von Hunger und Krankheit geschwächten Tapfern, die auch im Kanonenfeuer todesmuthig ausgehalten, erhielt freien Abzug zugesichert und wurde verrätherisch niedergemetzelt. Ein


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letzter nicht minder mörderischer Kampf geschah um die Stadt Zendschan (in Adserbeidschan). Auch dort thaten die früher friedlichen Bürger Wunder von Tapferkeit; ihr Anführer, der Mollah Mohammed Ali Zendschani, ertheilte, tödtlich verwundet durch eine Kugel und den Einsturz seines Hauses, seine letzten Weisungen, versicherte, er werde in vierzig Tagen wieder auferstehen, und starb lächelnd. Die endlich zur Uebergabe gezwungenen Bürger wurden, wie anderwärts, trotz des versprochenen Pardons, aufs Grausamste umgebracht
*). Nach all dem konnte auch Bab's eigenes Schicksal nicht zweifelhaft sein. Zwar hatte er niemals zum Aufstand aufgefordert, trug aber ohne Murren die Folgen des Vorgehens seiner Schüler. Zum Schein stellte man ihn noch einmal vor Gericht (zu Tebris); dort haben die Mollahs (welche erklärten, es sei jetzt keine Zeit mehr zum Disputiren) und der vorsitzende Prinz keine bessere Rolle gespielt, als einst die Richter Christi. Bab mußte sterben, schon um der Secte zu zeigen, daß er sterblich sei. Man schleppte ihn in Ketten mit zwei zugleich verurtheilten Schülern unter dem Hohn und den Mißhandlungen des moslimschen Pöbels erst endlos lange durch Stadt und Bazar. Aus diesem Gange erlebte Bab noch den Schmerz; daß der mitverurtheilte Seïd Hussein, um sich zu retten, ihm fluchte und ins Gesicht spie. Man gab den Abtrünnigen frei; aber der andere Schüler, der mit Bab sterben sollte, Mollah Mohammed Ali, jung, reich, und auch durch seine junge Frau, die man kommen ließ, und seine Kinder nicht zu erschüttern, küßte innigst die Hände seines Meisters und rief: "Dieser ist die Pforte der Wahrheit, der Imam des Islam." Beinahe wäre sogar der Nachweis von Bab's Sterblichkeit mißlungen. Die Kugeln, die ihn treffen sollten, zerrissen nur die Stricke, in denen er an der Festungsmauer aufgehangen war, so daß Bab frei auf die Füße zu stehen kam. Hätte er nun die Geistesgegenwart besessen, dies als Wunder geltend zu machen, dann wäre, bei der Stimmung des zuschauenden Volkes, noch ein unberechenbarer Erfolg möglich gewesen. Aber der Prophet, von den Qualen betäubt, machte einen kopflosen Fluchtversuch, wurde von den Soldaten (man hatte aus Vorsicht eine christliche Compagnie gewählt) eingeholt und niedergemacht (19. Juli 1849). Alles schien beruhigt, als im Jahre 1852 der Schah Nasireddin bei einem Spazierritte von drei Männern (Babis) angegriffen wurde. Sie feuerten ihre Pistolen auf ihn ab und wollten ihn vom Pferde reißen, als des Schahs zaghaftes Gefolge endlich zu Hülfe kam. Einer der Babis wurde niedergehauen; die anderen bekannten nichts, als daß ihre Chefs, die außerhalb Persiens seien, ihnen befohlen hätten, dem Schah den Kopf abzuschneiden. "Was unsere Chefs wollen, ist gerecht, weil sie es wollen; wir selber sind nicht verantwortlich" **) Nun war die Sorge groß; man wußte nicht, wie weit die Secte durch alle Stände, vielleicht bis in die Nähe des Schahs sich erstreckte. Haussuchungen wurden gehalten, alles irgend Verdächtige aufgegriffen, und um nun diejenigen Babis, die in dieser oder jener Abtheilung von Civil- oder Militärdienst etwa verborgen seien, bei der Secte selbst zu verdächtigen, wurde verordnet, daß jede dieser Abtheilungen an der Hinrichtung von wenigstens einem Babi
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Fußnoten
   *)Drei Gefangene ließ der damals allmächtige Staatslenker Mirza Taghy Khan nach Teheran bringen und ihnen dort die Adern öffnen. Sie sollen ihm dasselbe Schicksal prophezeit haben /Gobineau a. a. O.). So viel ist sicher, daß es ihn traf.
   **)Nach Bab's Tod hatten die in Teheran versammelten Häupter der Secte den sechzehnjährigen Mirza Jahya (wegen gewisser äußerer Abzeichen und moralischer Eigenschaften) zum Nachfolger Bab's erwählt. Er führt den Titel "Ewige Hoheit" und residirt in Bagdad.



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Theil zu nehmen habe
*). Nun suchten zumal die Unterbeamten, um ihre Loyalität zu beweisen, sich in Grausamkeiten zu überbieten **). Unvergeßlich ist selbst in Teheran
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Fußnoten
   *)Nach Polak (Persien, f, 153) mußte der Kriegsminister mit seinen Adjutanten das Todesurtheil an Gurret ul Aïn vollziehen, die man im Hause des Suleiman Khan, eines reichen Babi, gefunden. Nach Anderen (Petermann, Reisen ·, ff, 282) wäre sie von Bagdad, wohin sie entkommen war, und wo sie von den Ihrigen abgöttisch verehrt wurde, durch einen Pascha ausgeliefert worden, und Hunderte von Bekennern seien freiwillig nachgefolgt. Jedenfalls schreitet die Mythenbildung rasch. Gurret ul Aïn wurde im Hause des Kalenters (Polizeiministers) verwahrt, und dieser, selber bezaubert, verkündet ihr eines Tages vergnügt: "Sie brauche morgen vor Gericht auf die Frage, ob sie Babi sei, nur einfach zu antworten: Nein. Dann werde man sich zwar wundern, sie aber freilassen. " Sehr verwundert aber war er selber, zu hören, daß Gurret ul Aïn nicht vorhabe, nein zu sagen. Sie soll nicht nur ihren eigenen Tod (lebendig verbrannt werden am nächsten Mittag) sondern auch dem Kalenter den seinigen, gleichfalls gewaltsamen, vorausgesagt haben (Gobineau a. a. O.). Der letztere erfolgte auf Befehl des Schahs im Jahre 1861 bei Gelegenheit von Hungersnothunruhen in Teheran (Näheres in Brugsch's Reise nach Persien).
   **)Dem Suleiman Khan nagelte man nach anderen Qualen glühende Hufeisen an die nackten Füße, zwang ihn durch Peitschenhiebe zum Tanz, und trieb ihm endlich die ausgerissenen Zähne halbmondförmig in den Schädel (Vambery, Wanderungen in Persien), --- Alles zur höhern Ehre des Koran und Nasireddin Schahs, "des Punktes, zu welchem die Welt sich neigt."



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der Tag, da man Frauen und Kinder zwischen ihren Henkern durch die Straßen ziehen sah, mit brennenden Dochten in ihren offenen Wunden, unter dem Gesang: "Wir kommen von Gott und kehren zu ihm zurück:" Keine leibliche und moralische Qual hat zum Abschwören gebracht. Auch Seïd Hussein, der den Meister auf dessen Todesgange verleugnet hatte, aber der bittersten Reue verfallen war, ging jetzt mit Jubel in den Tod. Ein solcher Tag, heißt es, schuf mehr heimliche Anhänger, als alle Predigt im Stande wäre. Durch Qual und Hinrichtung rottet man überhaupt niemals eine in religiöse Schwärmerei getauchte Ueberzeugung aus
*). Nur um so sicherer wird das reine und edle Bild des Propheten Bab (der für alle Rachethaten seiner Secte so wenig verantwortlich ist, als Jesus für die Greuelthaten der christlichen Kirche), nur um so sicherer wird dieses Bild in Zukunft noch seine Wunder wirken. Aber eben die todesmuthige Aufopferungsfähigkeit der Babis ist der beste Beweis, daß auch im heutigen Persien die Völker noch moralische Kraft und eine Zukunft haben.

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Fußnote
   *)Auch aus neuerer Zeit (Sommer 1887) meldet man aus Persien, daß die Verfolgung der Babis immer noch fortdauere. Sie sollten ihrem Propheten fluchen, ließen sich aber lieber zu Tode martern und starben mit der Versicherung, sie würden in dreimal vierzig Tagen wieder aufleben.





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