Michael Barchet Sierek, Donata Koch-Haag, Karl, Hrsg. Ausstellen: Der Raum der OberflÖ¤che. Weimar: Verlag und Datenbank fÖ¼r Geisteswissenschaften, 2003. 265 S. EUR 26.30 (broschiert), ISBN 978-3-89739-368-4.
Reviewed by Jana Scholze (Victoria und Albert Museum London)
Published on H-Museum (May, 2004)
Museumstheorien sind ein in der museologischen Praxis mit wenig Aufmerksamkeit bedachtes Thema; Ausstellungstheorien scheinen noch unpopulärer, betrachtet man allein die Literatur der vergangenen Jahre. Orte theoretischer Überlegungen sind oftmals weniger das Museum oder Museologie lehrende Institutionen, sondern Disziplinen wie die Kulturwissenschaften, Völkerkunde, Ethnologie oder, wie im Falle des vorliegenden Bandes, die Medienwissenschaft.
Das hier besprochene Buch "Ausstellen. Der Raum als Oberfläche" ist die Publikation einer Tagung gleichen Titels, welche im Dezember 2000 an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena stattfand. Mit der Tagung wurde beabsichtigt, "die Dynamik des Ausstellens jenseits der bekannten Grenzen von Disziplinen und Medien, kulturellen Funktionen und gesellschaftlichen Diskursen in ihrer Komplexität zu diskutieren und ihre Wirkungen auf die Medien- und Diskurstheorie zu untersuchen" (S. 7). Schon mit dem Begriff des Ausstellens wird die eingrenzende Zuschreibung auf den Bereich der Museumsausstellung verlassen, was sich in den Themen der Vorträge bzw. Kapitel widerspiegelt. Denn neben musealen Inszenierungen und Präsentationsformen widmen sich die Autoren dem Ausstellen im öffentlichen oder virtuellen Raum sowie dem Ausstellen mittels Medien wie Fotografie oder Video. Die Herausgeber des Bandes und Veranstalter der Tagung definieren: "Ausstellen versteht sich zusehends als komplexer Akt des Zeigens" (S. 7). Solche Akte des Zeigens zerfallen in drei Momente: "in das Ergebnis der Lektüre, die Konfrontation mit dem Anderen und die Präsentation des Abwesenden" (S. 7). Verbunden werden diese Momente durch die Eigenschaft, den Blick vom Objekt auf den Akt des Ausstellens zu verrücken, wobei das ästhetische Objekt entsteht. Veränderungen in der Ausstellungspraxis--wie Präsentationsform, Ort, Intention und Funktion--werden als Ursache dafür gesehen, dass sich der Begriff des Ausstellens radikal gewandelt hat. Ob tatsächlich die Veränderungen der Präsentationspraxis in dieser wirksamen Weise den Ausstellungsbegriff modifizierten, muss allerdings angezweifelt werden. Die einzelnen Beiträge des Bandes lesen sich als heterogene Ausstellungsdiskurse, welche von einer reflektierenden Wahrnehmung und Aufmerksamkeit gegenüber den Phänomenen des Zeigens, Präsentierens und Repräsentierens geprägt sind.
Nur selten ist in der museologischen Auseinandersetzung bisher der Terminus 'Oberfläche' als theoretische Basis der Deskription und Analyse von Ausstellungen verwendet worden. Nicht allein aus diesem Grund ist die Einführung von Anne Fleig wertvoll, die sich mit dem Begriff der 'Oberfläche' Bezug nehmend auf Vilém Vlusser und Siegfried Krakauer auseinander setzt. Entgegen der dominanten Wahrnehmung von Oberflächen als visuellen Erscheinungsweisen, führt Fleig die Rede vom ,Raum der Oberfläche' ein, "um jene sinnliche Dimension von Oberflächen zu akzentuieren, die.auf eine Durchdringung der Wirklichkeit im ursprünglichen Sinne von ,begreifen' zielt" (S. 22). 'Oberflächen' zeichnen sich demnach durch einen dualen Charakter aus; sie sind sowohl Präsentation als auch Repräsentation, Performance und Erscheinung, Referenz und Zeichen; sie machen sichtbar und unsichtbar zugleich. In der Rede von der Oberfläche ist nach Fleig zu unterscheiden zwischen "der Oberfläche des Erscheinenden und dem Raum, der durch dieses Erscheinen erzeugt wird, oder aber in einer anderen Konstellation, zwischen dem Raum, der dem Erscheinenden zugrunde liegt und der Oberfläche der Erscheinung" (S. 23). Die Frage nach der 'Oberfläche' ist somit immer eine Frage nach der Präsentation. Nach Fleig ist dies ein Plädoyer für eine Welt der Sinne, weil "im Raum der Oberfläche...die Konstruktion der Wirklichkeit gerade in dem Maße fasslich [wird, J.S. ], wie die Materialität der Dinge in sie einbezogen wird" (S. 26).
Ein weiterer Beitrag setzt sich spezifisch mit Siegfried Kracauers Verfahren der Oberflächenlektüre auseinander. Hier beschreibt Wolfgang Kabatek Kracauers Verfahren der Lektüre von Großstadtbildern, das dieser ab Mitte der 20er Jahre entwickelte. Kracauer verfolgte die Absicht, mit Hilfe der Oberflächenlektüre politische, soziale und ökonomische Realitäten sichtbar zu machen. Diese Lektüre richtet sich auf das Periphere und Partikulare, welches in leicht übersehbaren Details, unscheinbaren Gestaltungen und beiläufigen Begebenheiten Bedeutungen vermittelt, die auf signifikante Erscheinungen und Prozesse der Moderne verweisen. Das von Kracauer angewandte Verfahren--von Walter Benjamin im Bild des Lumpensammlers beschrieben--ist "das einer wechselseitigen Interpretation von Grundgehalt und Oberflächenäußerung", wobei die Deutungsarbeit "nicht von den behandelten Phänomenen ab [hebt, J.S.], sondern...immer an ihnen vermittelt [bleibt, J.S.] (S. 205). In dieser engen Verbindung zu den Phänomenen zeichnet sich das eigentliche Vorhaben Krakauers ab. Ihm dient die Oberflächenlektüre als Vorbedingung für die Inventarisierung der zeitgenössischen, mediatisierten Alltagswelt. Der museologische Charakter dieses Vorhabens vermittelt die Oberflächenlektüre direkt als Verfahren für die Ausstellungs- und Sammlungsanalyse.
Leider ist jedoch, wie bereits festgestellt wurde, der Terminus 'Oberfläche' in der museologischen Auseinandersetzung mit Objekt-und Sammlungspräsentationen noch (!) ein Unbekannter. Dies kommt in unterschiedlicher Form in den einzelnen Beiträgen zum Ausdruck, wenn Definitionsangebote gemacht, Zweifel geäußert, alternative Begriffe eingeführt werden und wenn dieser Ansatz grundsätzlich vernachlässigt wird. Als alternativen Terminus für den museologischen Diskurs führt beispielsweise Ludger Schwarte in seiner Auseinandersetzung mit Wahrnehmungsinstallationen und der Entstehung der Ausstellungsarchitektur im 17. Jahrhundert den Begriff der 'Darstellung' ein. Nach Schwarte ist 'Darstellung' ein Vorgang, "der eine Bedeutungsrelation wahrnehmbar macht" (S. 33). Wesentlich für diesen Vorgang ist die Gleichzeitigkeit von Repräsentation und Verkörperung von etwas Abwesendem, was sich mit der Definition von Oberfläche deckt. Darstellung ist immer zugleich Repräsentation und Interpretation, da Objekte nicht nur allein dekodiert, sondern im Zusammenhang mit einem neuen Kontext auch immer interpretiert werden. Wenn Schwarte im Folgenden die Begriffe 'Darstellung', 'Inszenierung' und 'Aufführung' dem der 'Ausstellung' gegenüberstellt, bleibt die behauptete Opposition leider etwas schwach. Das Eingebundensein in die Produktion von Wirklichkeit der ersten drei Präsentationsformen wird damit kontrastiert, dass Ausstellung "einem Objekt eine Öffentlichkeit [verleiht, J.S. ], die es zumindest zeitweise allen Zweck- und Wirkungszusammenhängen entbindet. So gesehen kann Ausstellung als Veröffentlichung gegenständlicher Wahrnehmbarkeit gefasst werden" (S. 36). Diese Begriffe kommen zur Anwendung, wenn Schwarte im Folgenden detailliert die ästhetischen Prinzipien von Ausstellungen, deren Charakter und Wandel in einer kurzen Chronologie musealer Präsentationsformen nachzeichnet. Er beginnt mit dem zunächst ephemeren Charakter der Ausstellungsarchitektur im 17. Jahrhundert, berichtet über die Akademie- und Salonausstellungen in Italien, Paris und London und schließt mit einem Rückblick auf die documenta 5 (1972), welche erstmalig eine theoretische Konzeption dem visuellen Konzept den Vorzug gab.
Roswitha Muttenthaler und Regina Wonisch liefern mit ihrem Beitrag "Zur Schau gestellt. Be-Deutungen musealer Inszenierung" eines der Beispiele des Bandes, welche den auf das Bild beschränkten Fokus auf die Objektdimension verschieben. Die beiden Historikerinnen präsentieren darin ihr Forschungs- und Ausstellungsprojekt "Spots on spaces. Differenzen im Visier. Repräsentation und Räume". Anhand von Ausstellungsanalysen stellen sie Formen musealer Präsentation vor und in Frage und suchen in Interventionen nach Formen einer diskursiven Ausstellungspraxis. Ausstellungen definieren Muttenthaler und Wonisch als Repräsentationen von sowohl Sichtbarem als auch Unsichtbarem, d.h. dem durch das Sichtbare Verborgenen. Von dieser Definition lässt sich eine direkte Parallele zum vorangestellten Begriff der 'Oberfläche' und dessen dualen Charakter ziehen. Entsprechend richtet sich die Aufmerksamkeit von Muttenthaler und Wonisch sowohl auf das, was zu sehen ist, als auch auf das, was durch dieses dem Diskurs entzogen wird. Ihre Intention ist es, "...den Zeigegestus ernst zu nehmen und bei der Analyse bewusst an der 'Oberfläche' der Präsentationen zu bleiben. Diese gilt es genau ins Visier zu nehmen, weil sich so der 'Subtext' eröffnen kann" (S. 59, Hervorhebungen im Text). Diesen Beitrag zeichnet besonders aus, dass es den Autorinnen gelingt Analysen von konkreten Ausstellungssituationen mit theoretischen Konzepten der Ethnologie, Kulturwissenschaften, Psychoanalyse und Theorien zur materiellen Kultur zu verknüpfen.
Zwei Aspekte machen im Wesentlichen diesen Tagungsband lesens- und empfehlenswert: die diskursive und deskriptive theoretische Auseinandersetzung mit geplanten oder realisierten Ausstellungsprojekten und die Oberflächenanalyse als Angebot einer Methode für diese Auseinandersetzung. Die einzelnen Beiträge des Bandes verweisen in ihren Divergenzen in der mehr oder weniger explizierten Anwendung dieser Methode nicht nur auf die Unsicherheiten im Beschreiten von methodischem Neuland. Sie zeigen vielmehr die Eignung, Kraft und Fähigkeit des Begriffes für solche Auseinandersetzungen, da er einen Fokus vorgibt, der den Blick lenkt und in gewissem Sinne auch diszipliniert. Es bleibt zu wünschen, dass dieses Buch viele Leser findet, die sich um eine Popularisierung des Begriffes bemühen.
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Citation:
Jana Scholze. Review of Sierek, Michael Barchet; Koch-Haag, Donata; Karl; Hrsg., Ausstellen: Der Raum der OberflÖ¤che.
H-Museum, H-Net Reviews.
May, 2004.
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