Hannes Stekl. Adel und Bürgertum in der Habsburgermonarchie 18. bis 20. Jahrhundert: Hannes Stekl zum 60. Geburtstag gewidmet von Ernst Bruckmüller, Franz Eder und Andrea Schnöller. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004. 312 S. EUR 49.80 (broschiert), ISBN 978-3-7028-0403-9; EUR 49.80 (gebunden), ISBN 978-3-486-56738-0.
Reviewed by Patrick Schmidt (Universität Giessen, Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen)
Published on HABSBURG (March, 2004)
Handwerkliche Mobilitaet jenseits der Gesellenwanderung
Die hier anzuzeigende Studie, die aus einer von Josef Ehmer betreuten Dissertation hervorgegangen ist, ist im Schnittpunkt zweier Forschungsfelder angesiedelt, die in den letzten Jahren intensiv bearbeitet wurden. Sie leistet einerseits einen Beitrag zur historischen Migrationsforschung, andererseits zur Handwerksgeschichte. Beide Forschungsfelder haben schon seit langem im Phänomen der Gesellenwanderung einen natürlichen Berührungspunkt und ein gemeinsames Arbeitsgebiet gefunden, war doch die Gesellenwanderung sowohl eine der prägnantesten Formen räumlicher Mobilität in der Vormoderne als auch eine konstitutive Praxis des "alten Handwerks".
Annemarie Steidl möchte indes zeigen, dass "Handwerk" und "Mobilität" sich nicht nur in diesem Phänomen verbanden. Räumliche Mobilität, so lautet eine ihrer zentralen Thesen, war nicht nur typisch für die traditionell als transitorische Phase betrachtete Gesellenzeit, sondern prägte das gesamte Erwerbsleben vieler Handwerker von der "Aufdingung" als Lehrling bis zum Ende der Meisterschaft. Mobilität als Normalfall, so ließe sich ihre Sicht des Handwerks formelartig subsumieren, und so lautet auch die These, mit der sie sich zumindest von Teilen der historischen Migrationsforschung abgrenzt. Während hier Migration der Verfasserin zufolge häufig als Krisenphänomen gedeutet werde, möchte sie zeigen, dass der Ortswechsel für die Bewohner Mitteleuropas eine häufig genutzte Option auch in "normalen" Zeiten war.
Die Erkenntnisinteressen der Verfasserin auf diese beiden Thesen zu reduzieren, würde aber ihrer Studie nicht gerecht werden. Vielmehr geht es ihr auch darum, am Beispiel einer Stadt und einer Reihe von sehr unterschiedlichen Gewerben die Bedingungen handwerklicher Mobilität zu rekonstruieren; ihr Interesse gilt ebenso den Herkunftsregionen wie den Institutionen und Netzwerken, die Migration ermöglichten, den Motiven der migrierenden Handwerker ebenso wie den Funktionen, die die Wanderungsaktivitäten für die Arbeitsmärkte erfüllten. Sie geht der Frage nach Kontinuität und Wandel der Herkunftsregionen ebenso nach, wie den Rekrutierungsbemühungen der Meister und den staatlichen Aktivitäten, die den Zuzug von Handwerkern, je nach politischer Lage, zu fördern oder zu begrenzen suchten: eine Politik, die zwischen der Anwerbung von Spezialisten als Maßnahme merkantilistischer Gewerbeförderung und Restriktionen gegen die Gesellenwanderung im Zeichen von Revolutionsangst schwankte. Vor allem geht es aber um Quantifizierung; durch die Auswertung von Massenquellen wird die handwerkliche Mobilität in Zahlen greifbar.
Wien war im Untersuchungszeitraum natürlich nicht "irgendeine" Stadt, sondern eines der herausragenden urbanen Zentren in Mitteleuropa, nicht nur in politischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Vor allem war es auch einer der attraktivsten Standorte für zahlreiche Handwerke; gerade Luxusgewerbe fanden in der kaiserlichen Residenzstadt einen Absatzmarkt. Wien übte damit eine besondere Anziehungskraft auf Arbeitskräfte aus entfernten Städten und Regionen aus, entsprechend hoch war der Anteil der MigrantInnen in den Gewerben und der Gesamtbevölkerung. 1880 lag der Anteil der gebürtigen WienerInnen an der Gesamtbevölkerung nur bei 38 Prozent. Steidl hat sich bewusst für diese Metropole als Untersuchungsort entschieden, für Wien spricht in ihren Augen neben der guten Quellenlage und dem Fehlen einschlägiger Untersuchungen auch die Vergleichbarkeit mit Städten wie London, Paris oder Berlin. Bei manchen ihrer Untersuchungsergebnisse drängt sich dann allerdings die Frage auf, inwieweit sie auf die Masse der kleineren Städte in Mitteleuropa übertragbar sind.
Mit der Wahl des Untersuchungszeitraumes, der vom frühen 18. Jahrhundert bis ins späte 19. Jahrhundert reicht, verbindet sich eine weitere These der Verfasserin: Sie möchte zeigen, dass die Epochenschwelle, die die allgemeine Geschichte in der Zeit um 1800 verortet, für die Handwerksgeschichte keine Zäsur darstellt. So hätten einerseits räumliche und auch soziale Mobilität schon das vorindustrielle Handwerk entscheidend geprägt--Steidl distanziert sich hier von der alten Forschungsperspektive des Zunfthandwerks als einem "statischen Universum" (Michael Stürmer)--, andererseits hätten sich Grundzüge des "alten Handwerks", darunter auch Migrationspraktiken, im Kleingewerbe auch im industriellen Zeitalter behauptet. Auch die Aufhebung der österreichischen Zünfte durch die Gewerberechtsreform von 1859 hat in dieser Perspektive die Strukturen des Handwerks nicht unmittelbar und einschneidend verändert, die genossenschaftliche Organisation habe unter anderem Namen fortbestanden.
Dies bedeutet nicht, dass in der vorliegenden Studie Veränderungsprozesse ausgeblendet würden; Steidl versteht den Untersuchungszeitraum als "eine lange Periode des Übergangs von der ständischen Gesellschaft in die 'industrielle Welt'" (S. 14), und sie arbeitet eine Reihe von Entwicklungstendenzen heraus. Dennoch ist es bisweilen irritierend, wie umstandslos sie voraussetzt, dass sich in Quellenbefunden des 16. und des späten 19. Jahrhunderts tatsächlich die gleichen Praktiken widerspiegeln.
Steidl greift aus der Fülle der Wiener Handwerke (1820 zählte man 159 Gewerbekorporationen) vier Gewerbe heraus, die sie intensiv untersucht: die Taschner, die Rauchfangkehrer, die Fleischhauer und die Seidenzeugmacher. Das Taschnergewerbe repräsentiert die kleinen, spezialisierten und nur in Städten angesiedelten Handwerke, die der Verfasserin zufolge das (Klischee-) Bild vom "alten Handwerk" besonders nachhaltig geprägt haben. Das Rauchfangkehrergewerbe steht ebenfalls für die Gruppe der kleinen Handwerke, für die vorliegende Untersuchung war es aber wohl vor allem deswegen interessant, weil es von Migrationsvorgängen in einer sehr spezifischen Weise geprägt war: Steidls Studie zeigt, dass dieses Gewerbe in Wien bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von Zuwanderern aus Graubünden und dem Tessin dominiert wurde. Das Fleischhauerhandwerk vertritt die Gruppe der Nahrungsmittelgewerbe, denen die Forschung für die Frühe Neuzeit meist Prosperität und auch politischen Einfluss zuschreibt. Die Seidenzeugmacher schließlich werden untersucht als ein großes Gewerbe--nach der Zahl der Beschäftigten sogar das größte in Wien--, das zudem früh von der Protoindustrialisierung erfasst wurde. Schon im 18. Jahrhundert waren bei den Wiener Seidenzeugmachern die Produktion in Manufakturen und im Verlagssystem von einiger Bedeutung. Dementsprechend zeichnete sich hier auch früh der Wandel der Gesellen von Auszubildenden zu permanenten Arbeitskräften ab.
Als Material zieht die Verfasserin vorwiegend serielle Quellen heran: Aufding- und Freisprechbücher, die Aufschluss über die Lehrlinge geben; Gesellenprotokolle, Zuschick- und Vormerkbücher als Quellen zu den Gesellen; Meisterbücher, Quartalsauflagebücher und Meisterlisten für die Gruppe der Meister. Es werden nicht nur zünftische Quellen benutzt, denn in Wien produzierten zahlreiche Gewerbetreibende auf der Grundlage staatlicher Berechtigungen außerhalb der Zünfte, die sogenannten "Befugten". Steidl arbeitet auch mit normativen Quellen: Zunftordnungen und staatliche Verordnungen. Eine durchaus gewichtige Rolle spielen für ihre Studie auch Autobiographien von Handwerkern, obgleich sie in den Ausführungen zur Quellenbasis kaum thematisiert werden. Es sind aber diese Ego-Dokumente, die Hinweise auf individuelle Motivationen liefern und die Statistiken mit Leben füllen, indem sie die alltägliche Praxis und die Erfahrungswelt handwerklicher Mobilität beleuchten.
Die seriellen Quellen wurden mit der Methode des "nominative record linkage" ausgewertet, einem datenbankgestützten Verfahren zur Verknüpfung von Daten aus unterschiedlichen Quellen. Damit ist es möglich, einen Mangel der benutzten Quellen zu überwinden, der für die Fragestellungen dieser Studie ansonsten gravierend wäre: Jede der Quellengruppen enthält nur einen Teil der Informationen, die notwendig sind, um die Mobilität im Lebenslauf einzelner Handwerker zu rekonstruieren: Aufdingbücher informieren darüber, wo ein Lehrling geboren wurde, nicht aber darüber, wohin er nach dem Ende der Lehre ging. Die Wiener Meisterbücher wiederum sagen in den seltensten Fällen etwas über den Geburtsort der Meister oder darüber, wo sie ihre Lehre absolviert hatten. Erst die Zuordnung aller verfügbaren Daten aus den unterschiedlichen Quellengruppen zu einzelnen Personen erlaubt es, das zu erstellen, was man vielleicht als "Bewegungsprofile" von Handwerkern bezeichnen könnte.
Dieser methodische Zugang führt zu sehr überzeugenden Ergebnissen. Steidls Studie stellt eine Fülle von Informationen über die Rolle von Migrationspraktiken für die Gewerbe in Wien im Übergang von der kleingewerblichen zur industriellen Produktion zur Verfügung. Sie entwirft ein hochgradig differenziertes Bild, das unterschiedliche Muster von Kontinuität und Wandel einfängt und in dem immer wieder das Zusammenspiel zwischen der spezifischen Situation einzelner Gewerbe und den ebenso spezifischen Formen der Mobilität betont wird. Im Blick auf das Gewerbe der Seidenzeugmacher stellt die Verfasserin fest, dass sogar die einzelnen Werkstätten "unterschiedliche Migrationsbeziehungen" (S. 172) entwickelt hätten. Das Spektrum solcher "Migrationsbeziehungen" reicht von den Fleischhauern, deren Personal fast ausschließlich aus Wien und Niederösterreich stammte, über die Seidenzeugmacher, bei denen sich mit staatlicher Unterstützung Fabrikanten aus Lyon und London ansiedelten, bis zu den Rauchfangkehrern, die über Jahrhunderte hinweg ihren Nachwuchs aus jenen Schweizer Regionen empfingen, aus denen die Gründungsmitglieder der Zunft im 17. Jahrhundert nach Wien gekommen waren.
Neben solchen gewerbespezifischen Migrationsmustern zeichnen sich aber auch übergreifende Trends ab. So zeigt Steidl, dass im 18. Jahrhundert noch ein beträchtlicher Teil der Handwerker in Wien aus süd- und südwestdeutschen Territorien stammte. Diese Wanderungsbewegungen brachen im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt aufgrund der "politischen Distanzierung der Habsburgermonarchie von den deutschen Regionen" (S. 67), weitgehend ab. Dafür spielten Zuwanderer aus den böhmischen Ländern in den Wiener Gewerben eine immer größere Rolle. Insgesamt konstatiert Steidl, dass sich im 19. Jahrhundert der Einzugsraum der Wiener Gewerbe verdichtet habe, und dass es zur Ausbildung eines Arbeitsmarktes in den Grenzen der Habsburger Monarchie gekommen sei.
Die Migration von Handwerkern wird aber in der vorliegenden Studie nicht nur quantifiziert, es wird auch rekonstruiert, wie sie funktionierte. Es ist ein Verdienst der Verfasserin zu zeigen, wie viele Faktoren Einfluss auf Migrationsentscheidungen und -routen hatten. Besonders weiterführend erscheint dabei ihre These, dass handwerkliche Mobilität entscheidend von kommunikativen Netzwerken geprägt gewesen sei. Angehende Lehrlinge oder auch Gesellen wanderten in den seltensten Fällen bindungslos in die Fremde und in eine ungewisse Zukunft. Viel eher gingen sie dorthin, wo zuvor schon Verwandte oder Nachbarn sich niedergelassen hatten, und in der Regel waren sie vor dem Aufbruch gut darüber informiert, welche Arbeitsbedingungen und Löhne sie am Zielort erwarteten. Hinsichtlich der Gesellen konstatiert Steidl mit Recht, dass die Existenz kommunikativer Netzwerke die Voraussetzung für ihre den ganzen mitteleuropäischen Raum umfassenden Wanderungen bildete, dass aber andererseits die Wanderungen diese Netzwerke erst hervorbrachten.
Auf nach Wien! zeichnet sich durch eine klare Gliederung aus, die Analyse handwerklicher Migration nach Wien wird sinnvoll ergänzt durch Kapitel über Tendenzen der Migrationsforschung, die Bevölkerungs- und Handwerksgeschichte Wiens sowie über die Entwicklung der vier näher behandelten Gewerbe im Untersuchungszeitraum. Die quantitativen Ergebnisse werden in zahlreichen Tabellen, Diagrammen und "thematischen Landkarten" dargestellt. Auf die Verwendung der letzteren legt Steidl besonderen Wert, diese Karten sollen Erkenntnisse vermitteln, die in den anderen Darstellungsformen verborgen blieben. Dies gelingt indes nicht immer, für ungeübte LeserInnen lassen sich den Landkarten bisweilen nicht die Informationen entnehmen, die die Verfasserin aus ihnen interpretiert.
Wie eingangs dargestellt, liegt ein Ziel der vorliegenden Studie darin zu zeigen, dass räumliche Mobilität für Lehrlinge und Meister ebenso kennzeichnend war wie für die Gesellen. Dies entspricht der Tendenz der "neuen" Handwerksgeschichte, stereotype Vorstellungen vom "alten Handwerk" zu dekonstruieren und alte Forschungsparadigmen von dessen Stabilität und Homogenität zu widerlegen. In dieser Hinsicht kann Steidls Argumentation aber nicht gänzlich überzeugen. Wohl gelingt es ihr zu zeigen, dass das Wiener Handwerk nicht von Selbstrekrutierung geprägt war, und dass ein beträchtlicher Teil der Lehrlinge wie auch der Meister zugewandert war. Dennoch bleibt es weiterhin schlüssig, dass die Forschung bisher Mobilität vor allem den Gesellen zuschrieb. Denn für die Mehrheit unter ihnen war Mobilität ein Dauerzustand und in der Form der Gesellenwanderung institutionalisiert.
Als Lehrling dagegen schloss man seine Lehre gewöhnlich in der Stadt ab, in der man sie begonnen hatte, auch wenn Steidl zeigt, dass nicht wenige Lehrverhältnisse abgebrochen wurden und die Zünfte, etwa aufgrund von Misshandlungen, gelegentlich auch den Wechsel von einem Meister zum anderen gestatteten. Und auch wenn sie an Beispielen belegt, dass die Lebensphase der Meisterschaft ebenfalls von (sozialer) Mobilität geprägt sein konnte--unter ökonomischem Druck oder aus Altersschwäche mussten manche Meister ihre Werkstätten aufgeben und wieder als Gesellen arbeiten, andere qualifizierten sich als Lehrlinge in einer Nachbarbranche--, so war doch räumliche Mobilität offenkundig eher die Ausnahme: Wer Meister wurde, führte normalerweise seine Werkstatt über viele Jahre hinweg, und das Verlassen der Stadt erscheint als ein in den Zunftbüchern missbilligend kommentiertes Minderheitenphänomen.
Es ist zweifellos sinnvoll, die räumliche und soziale Mobilität auch von Lehrlingen und Meistern in den Blick zu nehmen. Sie aber mit der konstitutiven und identitätsprägenden Mobilität der Gesellen gleichzusetzen, dürfte eher über das Ziel hinausschießen. Dieser Einwand ändert aber nichts an dem positiven Gesamteindruck einer faktenreichen, quellengesättigten, methodisch reflektierten und sehr differenziert urteilenden Studie.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the list discussion logs at: http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl.
Citation:
Patrick Schmidt. Review of Stekl, Hannes, Adel und Bürgertum in der Habsburgermonarchie 18. bis 20. Jahrhundert: Hannes Stekl zum 60. Geburtstag gewidmet von Ernst Bruckmüller, Franz Eder und Andrea Schnöller.
HABSBURG, H-Net Reviews.
March, 2004.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=9144
Copyright © 2004 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For any other proposed use, contact the Reviews editorial staff at hbooks@mail.h-net.msu.edu.

