Christian Steinmetz. Deutscher Bund und europÖ¤ische Friedensordnung. Die Krise der Wiener Ordnung 1848-1850. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2002. 490 S. EUR 65.00 (gebunden), ISBN 978-3-631-39305-5.
Reviewed by Georg Christoph Berger Waldenegg (Historisches Seminar der Universität Heidelberg)
Published on HABSBURG (June, 2003)
Über vertane historische und historiographische Chancen
Über vertane historische und historiographische Chancen
Am Ende seiner mehr als 400 Textseiten umfassenden "wesentlich umgearbeitete[n], gestraffte[n] und erweiterte[n]" Dissertation (S. 7) gibt ihr Autor Christian Steinmetz indirekt seiner ganz persönlichen Verwunderung Ausdruck: Für den "staunenden Historiker" eröffne sich die Chance, "Zeuge zu sein, wie zunächst die Idee, später eine geschriebene Verfassung [...] zur geschichtlichen Wirklichkeit wurde, um unter vielen semantischen Transformationen wieder zu verschwinden" (S. 412). Gemeint ist der sogenannte Radowitz-Plan des gleichnamigen Adeligen Joseph Maria v. Radowitz, mit dem der preußische Militär und Politiker eine Beendigung der "querelles allemandes" (S. 175) mittels einer zukunftsweisenden Reform des während der Revolution von 1848/49 in eine strukturelle Krise geratenen Deutschen Bundes realisieren wollte. Staunen, kritisches Staunen ergreift auch den Rezensenten bei der Lektüre dieses Buches, und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Bevor dies aber näher begründet wird, sei der Aufbau des Buches geschildert.
Steinmetz geht thematisch breit gefasst vor, indem er seinen Gegenstand, den man kurzgefasst auch mit den Schlagworten kleindeutsch, großdeutsch, großösterreichisch sowie Bundesstaat oder Staatenbund fassen kann, in einen gesamteuropäischen Rahmen zu stellen versucht. In einem ersten Abschnitt schildert er kompakt grundlegende Komponenten der sogenannten Wiener Ordnung und ihrer Entwicklung bis 1848. Im zweiten Abschnitt geht es für den Zeitraum vom Ausbruch der Revolution bis ungefähr Ende 1848 um jenen Bereich, den der Autor begrifflich vielleicht etwas unglücklich die "internationale deutsche Politik" nennt (S. 49).
Anschließend legt er in einem dritten Abschnitt die Entwicklung der Deutschen Frage bis Herbst 1849 dar. Die hierfür gefundene Überschrift "Konsolidation in Europa" erscheint ebenfalls etwas unglücklich: Denn zum einen konzentrieren sich die Ausführungen weitestgehend auf die damalige Entwicklung in der Habsburgermonarchie und in Staaten des Deutschen Bundes beziehungsweise in Frankfurt am Main, und zum anderen kann von einer wirklichen Konsolidierung nicht die Rede sein, zumal was die zentrale Frage des Verhältnisses zwischen Österreich und Preußen angeht. Steinmetz selbst spricht von einer "befristete[n] Dauer des 'Waffenstillstandes' zwischen den beiden deutschen Vormächten" (S. 191). Der vierte Abschnitt steht unter der Fragestellung "Rückkehr der Wiener Ordnung?" und widmet sich der weiteren Entwicklung der Deutschen Frage bis hin zur "Episode" (S. 274) des Erfurter Parlaments, um schließlich in einem fünften Abschnitt den "Weg nach Olmütz" (S. 277) zu beschreiben.
Insgesamt kann gesagt werden, dass Steinmetz seinen Anspruch, die deutsche Entwicklung in einen gesamteuropäischen Rahmen zu stellen, weithin einzulösen vermag. Hierin liegt auch ein besonderer Vorzug seiner Studie, wobei er weit über sein in der Einleitung proklamiertes Erkenntnisziel hinausgeht, einen "Beitrag zur Erinnerung an die von Radowitz angestrebte Lösung des deutschen Problems im Wege einer bundesstaatlichen Verfassung" leisten zu wollen (S. 12). Nicht umsonst tauchen dessen Reformvorschläge und Reformpolitik auch erst ab Seite 140 auf.
Dennoch ruft seine Studie, wie vermerkt, mehrfaches kritisches Staunen hervor. Es bezieht sich nicht so sehr darauf, dass sie als klassische Diplomatiegeschichte beziehungsweise Politische Geschichte angelegt ist, in der vorzugsweise Männer große Rollen spielen. Auch bezieht sich das Staunen nicht primär auf zuweilen fragwürdige Behauptungen. Was dabei speziell das Habsburgerreich anbelangt, so existiert noch nicht einmal eine "Art Maulkorberlass" Schwarzenbergs, mit dem er "eine Beratung über die Neugestaltung der konstitutionellen Verhältnisse in Österreich [...] unterbunden" haben soll (S. 111). Auch "eröffnete" Innenminister Bach sicherlich nicht schon Anfang 1849 "das straffe, zentralistische Regiment des Neoabsolutismus" (S. 103).
Bezeichnenderweise heißt es denn auch viel später, der Neoabsolutismus habe "spätestens mit der Aufhebung der Kremsierer Verfassung [sic! Tatsächlich handelte es sich hier um einen Irrtum. Der Reichstag arbeitete nur einen Verfassungsentwurf auf. Steinmetz meint offenbar die Märzverfassung] am 20. 8. 1851" Einzug gehalten (S. 395). Grundsätzlich von großem Interesse ist die von Steinmetz unter Berufung auf ein vertrauliches Schreiben eines Zeitgenossen behauptete "Ankündigung" Schwarzenbergs, "die Kremsierer Verfassung aufzuheben" (S. 298). Würde sie nämlich zutreffen, so wäre die umstrittene These bewiesen, dass der Ministerpräsident bereits weit mehr als ein Jahr vor den sogenannten Augusterlässen und also zu einem recht frühen Zeitpunkt (Mai 1850) bereit war, einen absolutistischen Kurs einzuschlagen. Freilich scheint sich Steinmetz seiner Sache nicht ganz sicher zu sein. Denn er bekräftigt seine These zwar, indem er sogar eine "Zusage" Schwarzenbergs behauptet (S. 300), zugleich aber lediglich davon spricht, dieser habe die Rückkehr zum Absolutismus in Aussicht gestellt.
Auch historisch weitreichende Thesen sind zu hinterfragen, insbesondere dann, wenn sie die Revolution betreffen: Wird sie zum Beispiel einerseits als "gescheitert" bezeichnet (S. 11), andererseits jedoch 1848 als ein "Wendepunkt deutscher Geschichte" beurteilt, "vergleichbar nur mit der Bedeutung der großen Revolution von 1789 für Frankreich" (S. 9), so stellt sich die Frage nach dem Beurteilungsrahmen. Und aufgrund der bundesstaatlich-verfassungspolitischen Perspektive des Autors versteht man zwar, warum er die Revolution erst im Juli 1851 zu Ende gehen lässt; aber ebenso gut könnte man sie aus einem anderen Blickwinkel heraus noch später oder aber auch früher enden lassen.
Doch belegt eine solche Kritik zunächst nur zweierlei: Zum einen die offensichtliche Unmöglichkeit, bei einem inhaltlich so breit angelegten Zugriff ein Forschungsthema in all seinen Verästelungen zuverlässig zu überblicken. Und zum anderen, dass Historiker oftmals der Faszination, die sie bei ihrer intensiven Beschäftigung mit einem Thema ergreift, erliegen und sich zu Behauptungen von solchen Dimensionen hinreißen lassen, die zwar nicht per se falsch sein müssen, jedoch leicht zu hinterfragen sind.
Staunen ruft vielmehr anderes hervor. Da wären erstens eher formale Aspekte. Zunächst fehlt jeglicher Index. Dies erschwert die Orientierung in diesem doch recht voluminösen, eng bedruckten Buch. Hinzu kommt ein eigenwilliger Aufbau des Quellen- und Literaturverzeichnisses. Das benützte Archivmaterial wird separat aufgeführt. Gleiches gilt für die konsultierten Zeitschriftenaufsätze. Letzteres ist zwar ungewohnt, wäre aber zu verschmerzen, wenn auch im Weiteren eine konsequente Separierung der verwendeten Literatur nach einzelnen Sorten beibehalten würde. Doch werden die benützten Quellenwerke zusammen mit der übrigen Literatur (und den Beiträgen aus Sammelwerken, die auch für sich beziehungsweise zusammen mit den Zeitschriftenaufsätzen hätten aufgelistet werden können) aufgeführt. Insbesondere dies widerspricht einer von ohnehin zu wenigen Gepflogenheiten, über deren Befolgung sich Historiker jenseits ihrer sonstigen vielfach gegebenen Auffassungsunterschiede über formale Strukturen einig sind.
Nochmals zum Archivmaterial: Auf den ersten Blick wirkt sein Umfang imposant. Steinmetz hat nicht weniger als siebzehn Archive beziehungsweise Bibliotheken, in denen auch Akten lagern, besucht. Doch bei näherem Hinsehen stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein. Denn häufig verweist er in einer Anmerkung zwar auf Archivsiglen, zusätzlich aber noch auf Quelleneditionen. Er lässt den Leser aber im Dunkeln darüber, ob er die entsprechenden Akten im Archiv auch alle selbst eingesehen und deren inhaltliche Verwendung durch andere Historiker gegengeprüft hat.
Zweitens macht Staunen, dass die Einleitung inhaltlich nicht einmal den minimalen Anforderungen entspricht, woraus wohl auch ihre relative Kürze von sieben Seiten resultiert. Der Aufbau des Werkes wird kaum geschildert. Die Quellenlage bleibt sogar gänzlich unerörtert, weshalb es nicht überzeugt, wenn der Autor am Ende seines Werkes ohne weiteres von "hervorragende[n] archivalische[n] Voraussetzungen" spricht (S. 412). Und die Darlegungen über den aktuellen Forschungsstand fallen mit zwei Sätzen allzu spärlich aus.
Im Zusammenhang mit dem zuletzt genannten Punkt bin ich auch schon beim dritten Aspekt, der Staunen evoziert: Zwar trifft Steinmetz' wiederholte Feststellung zu, dass der Forschungsstand alles andere als zufriedenstellend ist; doch ist er auch nicht so schlecht, dass man auf eine explizite Auseinandersetzung mit Forschungsthesen verzichten könnte. Daran fehlt es aber weitestgehend. Somit ist Steinmetz einem grundlegenden Anspruch, der an eine Dissertation gestellt werden muss, nicht gerecht geworden. Wenn überhaupt, so beschränkt er sich zumeist darauf, Standpunkte, die seiner Meinung entgegenlaufen, unkommentiert abzutun, und dies fast immer nur in einer Anmerkung. In der Regel heißt es dann einfach "anders Meinecke" (S. 260, Anm. 295); auch liest man ohne weitere Begründung von einer "unzutreffend[en]" These (S. 358, Anm. 346). So bleibt insbesondere für den mit der Materie unvertrauten Leser unklar, inwiefern die Darlegungen bereits erbrachte Erkenntnisse revidieren, korrigieren oder ergänzen. Das ist bedauerlich, auch deshalb, weil hin und wieder erkennbar ist, dass sich Steinmetz näher mit Forschungsthesen beschäftigt hat.
Der soeben aufgezeigte handwerkliche Fehler paart sich mit einem weiteren Manko ähnlicher Natur, das nicht nur ein viertes, sondern auch ein besonders großes Staunen evoziert. Es betrifft den Umgang mit den Quellen. Steinmetz zitiert ausgiebigst aus Quellen, wobei er zuweilen zu überlangen, räumlich nie abgesetzten Zitaten neigt. Doch letzteres erschwert nur die Lesbarkeit seines im Übrigen alles in allem gut lesbar geschriebenen, wenn auch zuweilen etwas salopp beziehungsweise blumig formulierten Textes. Hierzu nur einige Beispiele: Da ist von der "ferne[n] Melodie biedermeierlicher Bundeszeiten" die Rede (S. 314). Auch die Wendung von dem berühmten "Holzweg", auf dem sich Radowitz befunden haben soll (S. 315), fehlt ebenso wenig wie auch Shakespeare die ihm gebührende Ehre erwiesen und ein ihm "würdige[r]" dramatischer "Höhepunkt" konstatiert wird (S. 363). Muss man schließlich wissen, dass die Kapitulation der "in der Festung Rastatt verbliebenen Reste der republikanischen Verbände" an "einem schönen Sommertag" erfolgte (S. 162)?
Doch Formulierungen sind auch eine Sache des persönlichen Geschmacks. Dies trifft aber nicht zu für das praktisch völlige Fehlen einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Inhalt des zitierten Materials. In dieser Hinsicht geht Steinmetz äußerst positivistisch vor, ganz so, als bestünde eine grundlegende Aufgabe von Historikern nicht gerade darin, Quellen auf ihre Glaubwürdigkeit hin kritisch zu hinterfragen. Die damit verbundene Problematik (sie führt im übrigen--im Zusammenspiel mit mangelnder Auseinandersetzung mit der Forschung--auch dazu, dass seine Darlegungen häufig wenig analytisch sind) sei nur an einer Kategorie von Quellen verdeutlicht: Wie in einer diplomatiegeschichtlichen Studie natürlich, zitiert Steinmetz aus vielen Gesandtschaftsbriefen, in denen über Aussagen Dritter berichtet wird. An fast keiner Stelle überlegt er aber, ob und warum diese behaupteten Aussagen mit dem tatsächlichen Gesagten übereingestimmt haben oder auch nicht. Eigentlich verwundert dies: Denn einmal kritisiert er die Verfechter der "traditionelle[n] Hermeneutik" (S. 410), und zwar unter Berufung auf Männer wie Foucault und Derrida, die auch als Dekonstruktivisten gelten können. Man muss den Dekonstruktivismus nicht schätzen, aber Steinmetz macht noch nicht einmal ersichtlich, dass er sich der üblichen historisch-kritischen Methode bedient.
Wohl deshalb verliert er auch zuweilen die Distanz zu seinem Gegenstand (so spricht er einmal von einem "geradezu skandalösen Widerspruch"; S. 259) und neigt immer wieder zu stark psychologisierenden Thesen, die den Leser mindestens ebenso stark an die historistische Maxime vom einfühlenden Verstehen erinnern. Da soll Schwarzenberg "voller Sarkasmus" (S. 253) einen Brief geschrieben haben (könnte es nicht auch Ironie gewesen sein?) und einmal "grimmig" gewesen sein (S. 339). Palmerston "begann der Geduldsfaden zu reißen" (S. 249; übrigens wollte er sich auch nicht "zum dummen August" machen lassen; S. 222). Preußens Minister sollen im Sommer 1850 "gelähmt wie die Kaninchen vor der Schlange nach Frankfurt" geschaut haben (S. 314) und Preußens Bevollmächtigte in Frankfurt zum ungefähr gleichen Zeitpunkt "verdutzt" gewesen sein (S. 306).
Gegen Ende seiner Ausführungen macht sich Steinmetz dafür stark, die Kategorie der historischen Kontingenz weitaus stärker als bisher geschehen, in historischen Abhandlungen zu berücksichtigen. Er nimmt sogar für sich in Anspruch, sie mittels seines Untersuchungsansatzes als "geschichtliche Kategorie" in historisches Forschen einzubringen (S. 13). Dieses Unterfangen verdient an sich Lob. Doch wird er seinem eigenen Anspruch in zweifacher Hinsicht nicht gerecht. Erstens gelingt es ihm nicht wirklich zu zeigen, dass nur relativ wenig gefehlt hat, um die Reformpläne von Radowitz Wirklichkeit werden zu lassen. Und zweitens operiert er selbst durchaus mit Kategorien wie "Notwendigkeit" (S. 61), "Unumkehrbarkeit" und "Unmöglichkeit" (S. 71).
Dieser letztere Widerspruch erscheint in gewissem Sinne symptomatisch für den Gesamtcharakter des Werkes. Einerseits erhebt Steinmetz hohe Ansprüche wie eben die Einbettung der spezifischen Thematik in einen gesamteuropäischen Kontext, löst dieselben jedoch andererseits bestenfalls partiell ein. Anders formuliert: Sein Hauptverdienst besteht darin, das von ihm bearbeitete Thema wieder stärker ins Bewusstsein der heutigen Forschung über die Deutsche Frage gerückt zu haben. Auch nur vorübergehend erschöpfend analysiert ist es mit der vorliegenden Arbeit aber nicht. Das ist schade, denn sie hätte zu einem Standardwerk avancieren können.
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Citation:
Georg Christoph Berger Waldenegg. Review of Steinmetz, Christian, Deutscher Bund und europÖ¤ische Friedensordnung. Die Krise der Wiener Ordnung 1848-1850.
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June, 2003.
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