Catherine Horel. La restitution des biens juifs et le renouveau juif en Europe centrale--Hongrie, Slovaquie, Republique tcheque. Frankfurt: Peter Lang, 2002. 211 S. $39.95 (paper), ISBN 978-3-631-38623-1.
Reviewed by Dominique Trimbur (Paris)
Published on HABSBURG (May, 2003)
Arisierung und Restitution: Zur Erneuerung der jüdischen Kultur in Osteuropa
Arisierung und Restitution: Zur Erneuerung der jüdischen Kultur in Osteuropa
Die Habilitationsschrift von Catherine Horel gehört zur--umfangreichen-- Reihe einer gelassenen, aber schmerzhaften Geschichtsschreibung der ehemaligen Volksrepubliken. Es handelt sich dabei um eine aus politischen Gründen lange Zeit verschwiegene Vergangenheit, welche im letzten Jahrzehnt ans Licht kam, im Zuge der Konstituierung neuer Identitäten und unter Berücksichtigung des Erbes der Vergangenheit, während sie sich gleichzeitig davon distanzierte.
Die Bedeutung der vorliegenden Arbeit, die sich am Kreuzungspunkt zwischen historischer Forschung und soziologischer Untersuchung situiert, besteht darin, dass sie komparativ vorgeht und zwischen den drei folgenden Momenten jüdischer Geschichte Verbindungen herstellt: Beraubung während des Zweiten Weltkrieges, Schweigen über die Vergangenheit in den Jahrzehnten danach, sowie schließlich Rückgabe bzw. späte Regelung der Nachkriegsprobleme, und dies mit dem Bemühen, diese Themen in die nationale Geschichte, wie auch in die jüdische Geschichte und Gegenwart dieser Länder zu integrieren. Dies steht ganz im Zentrum: Die Autorin möchte in fine zeigen, dass das Umgehen mit den Folgen der Shoah grundlegend für die Wiederbelebung der Demokratie in den Staaten Osteuropas (wie dies bereits der amerikanische Hochkommissar in Deutschland, John McCloy, in bezug auf Deutschland festgestellt hatte), sowie für die Wiederbelebung des jüdischen Lebens in diesen Ländern ist; wo die Shoah sozusagen zukunftsbestimmend wird, zum größten Leidwesen seiner kriminellen Betreiber.
C. Horel zeichnet zuerst die Lebensbedingungen der Juden der drei Länder in der Zwischenkriegszeit nach: Sie erinnert en passant daran, dass diese Staaten oft die deutsche Besetzung nicht abgewartet haben, um einen legalen Antisemitismus umzusetzen. Sicherlich, erst unter deutschem Impuls setzt ein exterminatorischer Antisemitismus ein, der die ehemalige Präsenz und gesellschaftliche Integration der jüdischen Gemeinden, wegen derer zahlreiche Juden auf die Emigration verzichtet hatten, beendet. Höhepunkt ist natürlich der für sich sprechende Fall der späten, tragischen und in ihrem Sinne quasi perfekten Deportation der ungarischen Juden.
In all diesen Fällen ist die Beraubung der jüdischen Güter--freilich zu unterschiedlichen Graden und über verschiedene, aber in dieselbe Richtung gehende Modalitäten - durchaus die erste Etappe auf dem Weg zur Vernichtung. Sie wird gleichzeitig an den Gemeinden und an Einzelpersonen angewandt, und wie anderswo auch sind diese Maßnahmen besonders wirksam, weil sie die Juden aus der zivilen Gesellschaft ausschließen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kann man doch Versuche einer Rückgabe feststellen. Aber diese treffen auf vielfältige Schwierigkeiten: einerseits die dramatische Tatsache, dass sehr zahlreiche deportierte Juden nicht heimkehren, andererseits das Weiterwirken eines echten Antisemitismus. In diesem Zusammenhang werden der gute Wille von bestimmten Persönlichkeiten wie Masaryk in der Tschechoslowakei, der auf nur wenig Echo in der Bevölkerung trifft, und die verabschiedeten Maßnahmen nur teilweise angewandt.
Diese Entwicklung wird in der Folge bestätigt: Die Errichtung kommunistischer Regime bringt in keiner Weise eine Lösung, im Gegenteil. In dieser Hinsicht fügt sich die relative Blockierung der Rückgabemaßnahmen in eine Logik ein, welche in allen sozialistischen Republiken dominiert (ein Gesichtspunkt, den Catherine Horel etwas vernachlässigt, wenn sie etwa die Situation der DDR nicht erwähnt). Das Fehlen von konkreten Rückgabemaßnahmen zeugt von einer allgemeinen Feindseligkeit gegenüber dem Zionismus und später Israels. Das Bemühen, die Juden gegenüber den anderen Opfern des Nationalsozialismus und seiner Verbündeten nicht zu privilegieren, sowie der offensichtliche Wille zu verhindern, dass sich eine kapitalistische (jüdische) Bourgeoisie rekonstituiert, können den tatsächlichen Antisemitismus der kommunistischen Verantwortlichen nur schwer verbergen. Und wie etwa in besonderem Maße in Polen ist das Phänomen dauerhaft: So entbehrt die Zurückdrängung des Prager Frühlings auch nicht antisemitischer Konnotationen.
Folglich sind die Juden in den drei behandelten Ländern gezwungen, sich im Hintergrund zu halten. Für einige ist ihr Beitrag zum neuen Regime eine Kompensation für das gemeinsam unter den faschistischen Regimen oder unter der Nazi-Besatzung erlebte Leid, und gleichzeitig für das gegenwärtige. Im Allgemeinen ziehen sich die Juden zurück, wodurch sie nicht mehr wahrgenommen werden, aber auch zum großen Teil ihre eigene Identität verlieren; ein Phänomen, das sich mit dem Altern, dem Anstieg gemischter Ehen, den religiösen Übertritten und dem Auflösen des gemeinschaftlichen Lebens verschlimmert.
Der Sturz der kommunistischen Regime zieht auch in dieser Hinsicht eine tief greifende Veränderung nach sich: Er bedeutet tatsächlich das Ende der Blockierung, die in puncto Rückgabe der in den 30er und 40er Jahren der jüdischen Bevölkerung geraubten Güter gewirkt hatte. Dies geschieht freilich nicht ohne Probleme: Wenn sich auch das Wissen um die Notwendigkeit, etwas zu unternehmen, allen neuen Verantwortlichen aufzwingt, so fehlt doch oft der gute Wille. Ob es sich nun um mangelnde finanzielle Mittel handelt oder auf viel beunruhigendere Weise um den üblen Nachgeschmack einer bestimmten Vergangenheit: Sucht sich das neue unabhängige Slowakien nach 1993 als Orientierungspunkt nicht das Regime des Mgr. Tiso aus, das einzige, das ihm zur Verfügung steht? Auch stellt sich die Frage des Gesprächspartners, wenn sich die auf ein absolutes Minimum geschrumpfte jüdische Gemeinde nicht mehr wirklich identifizieren lässt, oder wenn die Gemeinden niemanden mehr haben, an den sie auch nur irgendetwas zurückgeben könnten.
Letztlich geschieht es mit der - mehr oder weniger akzeptierten--Hilfe der internationalen jüdischen Organisationen, meist in Verbindung mit der Regierung der Vereinigten Staaten, dass der Rückgabeprozess tatsächlich in Angriff genommen wird. Dies allerdings nicht ohne Hindernisse: In der Tschechischen Republik muss man bis zum Ende der 90er Jahre warten, bis endlich etwas geschieht; und die Rückgaben sind manchmal schwerwiegende Lasten für - die Empfänger, etwa wenn der miserable Zustand der betreffenden Güter eine Investition nötig macht, die jenseits der Möglichkeiten der ausgezehrten Gemeinden liegt.
Nichtsdestotrotz bringt die fortschreitende Regelung eine Revitalisierung des jüdischen Lebens in den drei Ländern mit sich. Diese ergibt sich daraus, dass lokale Gemeinden wieder Sinn finden. Sie ist aber sehr stark von äußeren Faktoren abhängig, und zwar über reelle Investition--materielle wie spirituelle (besonders über den "Import" von Rabbis)--von Seiten ausländischer Organisationen. Diese Revitalisierung geschieht im übrigen auf Kosten bestimmter Erwartungen, etwa wenn sich die Jewish Agency dort in der Perspektive einer weiträumigen Emigration der lokalen Juden einrichtet, um dies anschließend zu dementieren.
Sie ermöglicht zudem eine "Erinnerungsarbeit" von Seiten der jüdischen Gemeinden bzw. (und vor allem) der neuen Staaten, weil die Shoah, die lange als ein von den Nazis importiertes Phänomen galt, nun integraler Bestandteil der nationalen Geschichte wird; weil die jüdische Geschichte, die man für irreversibel ausgelöscht gehalten hatte, wieder ihren Lauf aufnimmt (selbst wenn zahlreiche restaurierte Synagogen niemanden finden, der dort betet). Letzteres mit der Notwendigkeit, ihr eine Konsistenz zu geben, die der alleinigen Erinnerung an die Shoah entrinnt, mit der Herausforderung, eine jüdische Kultur aufzubauen, die auch einen religiösen Teil enthält. Es liegt übrigens in dieser Analyse der Revitalisierung, dass die Arbeit von C. Horel aus mangelnder Distanz sündigt: Die Autorin stützt sich hier meist wortwörtlich auf die Berichte, die von den in den drei Ländern stationierten internationalen jüdischen Organisationen erstellt wurden. Aber haben diese nicht Interesse daran zu unterstreichen, dass ihre Investitionen rentabel sind? Dabei läuft das vorliegende Buch außerdem mit ersten bereits feststellbaren Symptomen Gefahr, sehr rasch zu veralten.
Letztlich hat die Arbeit von C. Horel das Verdienst, auf eine lange Zeit verschwiegene Geschichte zurückzukommen und eine Verbindung zwischen gegensätzlichen Elementen herzustellen: von der Beraubung der Juden zum Erwachen der jüdischen Gemeinschaften, von ihrem Ausschluss aus dem zivilen Leben bzw. gar ihrer Vernichtung zu ihrer Wiederintegrierung in sich neu bildende Gesellschaften. Die Autorin beschäftigt sich mit den zahlreichen Schwachstellen im Bereich der Rückgabe und unterstreicht zu Recht, dass sich die westlichen Länder in dieser Hinsicht nicht unbedingt besser verhalten haben. Die von ihr aufgestellte Analyse, getrübt durch einige wenige sachliche Fehler, ist im Gesamten überzeugend. Sie wäre es noch stärker gewesen, wenn der komparative Aspekt durch die Erwähnung anderer Länder (Deutschland, besonders der DDR) erhellt worden wäre, konkret durch die Miteinbeziehung von jüngsten, parallel geführten Studien, wie die von Constantin Goschler und Jürgen Lillteicher herausgegebenen Arbeiten über die Beraubung und Rückgabe in Deutschland und in Österreich, oder die veröffentlichte Dissertation von Thomas Haury über den ostdeutschen Antisemitismus.[1]
Anmerkung:
[1]. Vgl. Constantin Goschler, Hg., "Arisierung" und Restitution: Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989 (Göttingen: Wallstein-Verlag, 2002) und Thomas Haury, _Antisemitismus von Links: Kommunistische Ideologie, Nationalsozialismus und Antizionismus in der frühen DDR (Hamburg: Hamburger Ed., 2002).
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Citation:
Dominique Trimbur. Review of Horel, Catherine, La restitution des biens juifs et le renouveau juif en Europe centrale--Hongrie, Slovaquie, Republique tcheque.
HABSBURG, H-Net Reviews.
May, 2003.
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