Norman Davies. Im Herzen Europas: Geschichte Polens. MÖ¼nchen: C.H. Beck Verlag, 2000. xviii + 505 S. EUR 24.50 (gebunden), ISBN 978-3-406-46709-7.
Reviewed by Bernard Linek (Schlesisches Institut in Opole)
Published on HABSBURG (March, 2002)
Versuch einer historischen Anatomie des polnischen Selbstbewusstseins
Versuch einer historischen Anatomie des polnischen Selbstbewusstseins
Norman Davies, emeritierter Professor der Universitaet London, ist in Polen keine unbekannte Persoenlichkeit und spielt eine spezifische Rolle in der polnischen Oeffentlichkeit. Er ist einer der wenigen auslaendischen, ueber Polen schreibenden Historiker, der so weit polonisiert ist, dass er praktisch von vielen wie ein Landsmann behandelt wird. Dies beruht in hohem Masse auf der Bedeutung, die seine Buecher fuer die letzten Generationen der polnischen Intelligenz hatten. Vor allem waren dies die zwei monumentalen Arbeiten God's Playground, eine Synthese der Geschichte Polens, und Europe: A History (eine Geschichte der europaeischen Zivilisation), deren engagierte Darstellung ihm einen enormen, beinahe fuehrenden geistigen Einfluss auf diese Generationen sicherte.[1]
Nach dem Umbruch von 1989 wurde Davies in Polen entsprechend behandelt und avancierte in die Rolle eines Medienstars und eines Idols der Intellektuellen. In dieser Zeit erhielt er beinahe alle wichtigeren staatlichen Auszeichnungen, Ehrendoktorwuerden und Ehrenbuergerschaften. Mit dieser gesellschaftlichen Rolle mag es zusammenhaengen, dass es in Polen bisher keine Rezensionen der hier zu besprechenden Arbeit gibt, die zu Beginn der neunziger Jahre in einer polnischen Ausgabe erschienen ist.[2] Vielleicht hatte darauf auch der zeitliche Abstand zur Veroeffentlichung der englischen Ausgabe einen Einfluss, [3] der dazu fuehrte, dass ein Teil der Ueberlegungen schon nicht mehr aktuell war.
Die deutsche Uebersetzung ist also schon die dritte Ausgabe dieses Buches. Von den zwei vorhergehenden unterscheidet sie sich in einigen Punkten, beginnend mit dem Titel. In der deutschen Ausgabe wurde auf des emotional-politische Postulat verzichtet, das noch in den Titeln der anderen Ausgaben enthalten war (Heart of Europe), zugunsten eines emotional-geopolitischen Titels (Im Herzen Europas), obwohl im Text das entsprechende Fragment, das den urspruenglichen Titel ausfuehrt, erhalten geblieben ist (S. 417). Geaendert wurde auch der Untertitel des Buches von Eine kurze Geschichte Polens zu Geschichte Polens, der aehnlich wie im Uebrigen der urspruengliche Untertitel den Inhalt dieses historischen Essays nicht allzu gut trifft.
Angesichts der Konstruktion des Buches waeren weitreichende Aenderungen wohl nur schwer umzusetzen gewesen. In gewissem Masse ist daher verstaendlich, dass die Gesamtheit der ersten zwei Ausgaben in der Gestalt von sechs retrospektiven Kapiteln und einem, das die Situation in der ersten Haelfte der 1980er Jahre behandelt, erhalten geblieben ist. Neu wurde das Kapitel VIII unter dem Titel Befreiung hinzugefuegt, das eine Synthese der politischen Geschichte Polens in den Jahren 1983-1999 darstellt.[4] In diesem neuen Abschnitt erwaehnt Davies sich selbst zweimal, was--wie ich schon geschrieben habe--gut seine damalige Rolle im Leben der polnischen Gesellschaft wiedergibt. Die in diesem Kapitel enthaltenen faktographischen Ungenauigkeiten (so verwechselt Davies z.B. notorisch die Parteizugehoerigkeit fuehrender polnischer Politiker) kann man entschuldigen, jedoch tragen die Ueberlegungen des Verfassers nicht allzu viel Neues bei und haben eher berichtenden Charakter.
Angaben zur polnischen Aussprache, eine Liste der Herrscher und Staatsfuehrer sowie genealogische Tafeln ergaenzen das Buch. Leider enthaelt der Band kein Literaturverzeichnis, das auch Gelegenheit gegeben haette, die neuere Literatur aufzufuehren, da der aktuellste Titel, der in den Anmerkungen verzeichnet wird, im Jahre 1981 erschienen ist.
Zu den neuen Elementen des Buches gehoert auch ein Geleitwort von Bronislaw Geremek, der treffend die wertvollen Seiten der Arbeit beschreibt, sowie ein Vorwort von Davies selbst, der hier ehrlich die heutigen Schwaechen seines Buches nennt.
Wie Geremek zutreffend schreibt, ist das Buch ein hervorragendes Beispiel eines ausgezeichnet geschriebenen historischen Essays, dessen Ziel es ist, eine Antwort auf die Frage zu geben, was die Gestalt des heutigen Polens beeinflusst und die Identitaet der Polen dauerhaft gepraegt hat. Daher sind einzelne Epochen sehr ungleichmaessig behandelt.
Am wichtigsten war fuer Davies, als er Im Herzen Europas schrieb, wie er sich im Vorwort erinnert, die Ueberzeugung, dass die damaligen politischen und wirtschaftlichen Verhaeltnisse, naemlich die kommunistische Herrschaft und der Eiserne Vorhang, gegenueber den historisch entstandenen kulturellen Verbindungen Polens mit dem Westen und dem Willen zur Unabhaengigkeit keinen Bestand haben wuerden. Wie Davies weiter erlaeutert, sei die Anlage des Buches der Analyse dieser Situation untergeordnet gewesen. Daher fehle in ihm auch die Frage des multiethnischen und multikulturellen Erbes des heutigen Polens.
Die Privilegien der von ihm gepflegten Gattung des historischen Essays nutzend, deklariert Davies schon im Motto des Buches, das aus Adam Mickiewiczs Romantycznosc, einem programmatischen Text der polnischen Romantik, stammt, ausdruecklich seine Sympathie fuer ein bestimmtes geistiges Lager und die entsprechende Art und Weise, Politik zu betreiben, und empfiehlt sie damit sozusagen schon hier als Heilmittel gegen die Unfreiheit der Nation und der Gedanken.
Es ist schwierig, an dieser Stelle auch nur eine oberflaechliche Analyse der verschiedenen Kapitel vorzunehmen. Ich versuche nur, ihre Hauptthesen zu benennen. Ausserdem zeigen schon die Kapitelueberschriften, was Davies als die wichtigsten Relikte aus der jeweiligen Epoche im Bewusstsein der Polen des Jahres 1983 ansah.
Das erste Kapitel traegt den Titel Das Erbe der Demuetigung und erzaehlt ueber die Erfahrungen der polnischen Nation in der Volksrepublik Polen. Dabei betont Davies, dass der polnischen Gesellschaft das kommunistische Regime von Anfang an aufgezwungen worden sei. Waehrend der gesamten Zeit der Herrschaft der PPR/PZPR habe eine Spaltung zwischen der aus den Herrschaftseliten bestehenden Nation I, die sich zuerst vor allem aus ehemaligen Mitgliedern der Kommunistischen Partei Polens, Russen, die dazu delegiert waren, die Rolle von Polen zu spielen, polnischen Juden sowie Personen aus dem Establishment der Vorkriegszeit zusammengesetzt und sich spaeter durch eine negative Auslese vor allem aus den doerflichen und staedtischen Unterschichten vergrossert habe, und der eigentlichen Nation, der Nation II, die in stillem Widerstand gegen diese Verhaeltnisse verharrt sei, existiert. Davies nimmt sogar eine Berechnung der Groesse beider Gruppen vor: die Nation I habe 3 Millionen, die Nation II 33 Millionen Personen gezaehlt.
Die folgenden zwei Kapitel analysieren die Erbschaft des Zweiten Weltkriegs und der II. Republik, die der Verfasser mit den Begriffen Niederlage und Enttaeuschung charakterisiert. Vom Umfang der Niederlage koenne die Tatsache zeugen, dass Polen in den Jahren von 1939 bis 1945 den gesamten natuerlichen Bevoelkerungszuwachs aus der vorhergehenden Periode wieder verlor, was--trotz der Erklaerung des polnischen Aussenministers Beck vom Mai 1939--ein messbarer Preis der Ehre gewesen sei.
Es sollte auch auf die gute Darstellung der Geschichte und Dilemmata Polens in der Zwischenkriegszeit hingewiesen werden, die Davies anhand der Lebenslaeufe der zwei wichtigsten ideellen und politischen Antagonisten dieser Zeit vornimmt, naemlich Marschall Jozef Pilsudski und Roman Dmowski.
Einem solchen biographischen Zugang folgt Davies auch in dem folgenden laengsten und wichtigsten Kapitel mit dem Titel Das Erbe der geistigen Staerke, das der Zeit der Teilung gewidmet ist. Es ist mit einer Galerie von wirklichen, mythologisierten und literarischen Figuren gefuellt, die eine grosse Rolle fuer Polen und die Polen im langen 19. Jahrhundert gespielt haben. Davies meint, dass sich an ihrem Beispiel der gesellschaftliche Diskurs um die Erhaltung der nationalen Identitaet und der Wiedererlangung der Unabhaengigkeit am besten darstellen lasse. Waehrend der ganzen Epoche habe es in der polnischen Gesellschaft drei verschiedene Haltungen gegenueber dieser Frage gegeben: Loyalismus gegenueber den Okkupanten und sein Gegenteil, den Widerstand, sowie eine vermittelnde Position, die einen Ausgleich mit den Teilungsmaechten angestrebt, jedoch keine Chance auf eine groessere Akzeptanz gehabt habe, da ihr der Partner fehlte. Im Bewusstsein der polnischen Gesellschaft seien aus dieser Zeit zahlreiche Erbschaften geblieben, wie die Ueberzeugung von der Machtlosigkeit der Diplomatie, die Traditionen des Kampfes und der Emigration sowie ein religioeser Zugang zur nationalen Frage. Das wichtigste Ueberbleibsel sei jedoch der dauerhafte Sieg der Romantik ueber den Positivismus gewesen, der so weit reichte, dass sogar die positivistischen Autoren dem Einfluss romantischer Ideen erlegen seien.
Die frueheren Jahrhunderte werden dann jeweils nur noch auf einigen Dutzend Seiten auf recht traditionelle Weise charakterisiert: Polen habe eine tausendjaehrige Kultur, fuer dessen Geschichte das wichtigste Ereignis die Uebernahme des Christentums gewesen sei. Aus dieser langen Zeit seien das multikulturelle Erbe, die Sprache, der ethnische Kern und das Adelsethos geblieben.
Einen etwas groesseren Umfang hat das Kapitel, das das Echo der Geschichte Polens in den Haltungen der Polen in der Zeit des Kriegszustands behandelt. Wenn man dieses Kapitel liest, wird verstaendlich, warum das Kapitel ueber die Teilungszeit so ausgebaut ist, da Davies nicht nur eine Analogie in der Situation sieht, sondern auch versucht, aehnliche Reaktionen unter den Polen zu unterscheiden. Heute allerdings ist es nur noch fuer Untersuchungen zur Haltung der polnischen Gesellschaft gegenueber dem Kriegszustand von Interesse.
Meine ambivalente Haltung zu diesem Buch haengt in etwas paradoxer Weise mit einer Tatsache zusammen, die zum Zeitpunkt der Erstveroeffentlichung sein Vorzug war. Sie betrifft seine grundsaetzliche Anlage. Davies umreisst darin in gewisser Weise einen Zirkel, indem er die Erzaehlung von der ihm naechsten Situation beginnen laesst und bei der Analyse der verschiedenen historischen Epochen ihre Erbschaften herausarbeitet, die als aktive Echos im heutigen Bewusstsein der Polen existieren und ihre gegenwaertigen Haltungen beeinflussen.
Leider liegt gerade in dieser interessanten Anlage die grundlegende Schwaeche der Arbeit. Im Herzen Europas wurde naemlich schon vor beinahe zwanzig Jahren geschrieben, direkt nach der fuer die Polen so schwierigen Zeit des Kriegszustands, als im Land ganz besonders nach Richtlinien fuer das Verhalten in der Gegenwart und fuer den Widerstand gegen das Kriegsrecht in der Vergangenheit gesucht wurde. Der Einfluss dieser Situation ist auf den Seiten des Buches nicht nur in der Analyse zu sehen, sondern auch in der Schwerpunktsetzung auf bestimmte historische Ereignisse oder in deren Bewertung.
Den Vorwurf des Praesentismus kann man allerdings nicht nur dem Abschnitt ueber den Kriegszustand machen, sondern der ganzen Behandlung der Volksrepublik Polen. Das dichotomische Bild der polnischen Gesellschaft in der gesamten Periode ist--1983 mag sich das aufgedraengt haben--entschieden zu grob gezeichnet. Man kann noch der Ansicht zustimmen, dass es im Jahre 1944, als der Aufbau des kommunistischen Systems in Polen begann, nicht viele Kommunisten gab. Sie erlangten jedoch schnell politische Unterstuetzung und schufen eine neue Elite. Im Kreis der die PPR unterstuetzenden Kraefte kann man nicht nur betraechtliche Teile der PPS (Sozialisten), sondern auch die vor dem Krieg mitregierende Sanacja-Linke und sogar radikale Nationalisten unter der Fuehrung Boleslaw Piaseckis nennen. Das ideologische Bindemittel, das diese Formation zusammenhielt, war die Ablehnung der Demokratie und der Wunsch, einen kollektiven Sprung ins Reich der Freiheit zu machen. Dabei war die Frage, in welchem Masse dieses einen kommunistischen oder nationalen Charakter haben sollte, Gegenstand einer langdauernden Diskussion, aus der eher das zweite Element siegreich hervorging.
Davies' Ansatzpunkt blendet das Verhaeltnis der Polen und des polnischen Staates zu den Minderheiten und den Nachbarvoelkern und -staaten weitgehend aus. Aus diesem Grund erfaehrt der Leser nicht allzu viel ueber die historischen Grundlagen der wichtigsten gesellschaftlichen Diskussionen der letzten eineinhalb Jahrzehnte in Polen. Das betrifft etwa das Verhaeltnis zu den Juden (zuletzt wurde vor allem die zweideutige Haltung der polnischen Gesellschaft zum Holocaust diskutiert, auch schon bevor die Ereignisse in Jedwabne die Oeffentlichkeit zu beschaeftigen begannen). Das Buch enthaelt auch keine Beschreibung der Gruende und des Verlaufs des Konflikts mit den Ukrainern (so gibt es nichts zu den ethnischen Saeuberungen in Wolhynien und zur Aktion Weichsel). Fuer den deutschen Leser moegen die einseitige, nur die polnische Perspektive einbeziehende Darstellung der Ereignisse in Bromberg 1939 sowie besonders die Tatsache aergerlich sein, dass der Vertreibung der Deutschen nur ein einziger Absatz gewidmet ist, in dem zudem nur von sowjetischen Taten die Rede ist.[5]
Nicht allzu gross scheint das Bewusstsein des Verfassers fuer diese Unzulaenglichkeiten zu sein, da dieses schwarz-weisse Bild der einzigen Nation, die in der Geschichte Europas Unrecht erlitten hat, nur die ohnehin schon gut ausgebildete polnische Megalomanie und die sich aus derselben Quelle naehrende Xenophobie staerkt.
Allerdings sollte man den hier an einigen Stellen erhobenen Vorwurf, dass die Publikation einiger Teile des Buchs ein Anachronismus ist, nicht dem Verfasser machen, sondern muss ihn eher an den Verlag richten, dem offenbar der Mut fehlte, das laengere God's Playground zu veroeffentlichen, das die Probe der Zeit besser ueberstanden hat.
Abschliessend kann man nur hoffen, dass Davies' neuere Buecher mehr Glueck haben und schneller ins Deutsche uebersetzt werden. Das betrifft besonders die Geschichte Breslaus, die in den naechsten Monaten in polnischer Sprache erscheinen soll.
Anmerkungen:
[1]. Norman Davies, God's Playground: A History of Poland. 2 vols. (Oxford: Clarendon Press, 1981); ders., Europe: A History (Oxford: Oxford Univ. Press, 1996).
[2]. Norman Davies, Serce Europy. krotka historia Polski (London: Aneks, 1995)
[3]. Originalausgabe: Heart of Europe: A Short History of Poland (Oxford: Clarendon Press, 1984).
[4]. Trotz allem haette es sich gelohnt solche Punkte wie z.B. Davies' Ausfuehrungen zu Katyn, die den Eindruck innerer Widerspruechlichkeit hervorrufen (auf S. 63 stellt er die Ermordung von mehr als 10.000 polnischen Offizieren als eine bis heute letztlich nicht geklaerte Frage dar, an der moeglicherweise NKWD und SS beide beteiligt waren; dagegen schreibt er in dem ergaenzten Kapitel auf S. 433, dass Gorbatschow General Jaruzelski dazu Materialien uebergeben habe, die bestaetigen wuerden, dass dies ein sowjetisches Verbrechen gewesen sei) zu veraendern oder auch offensichtliche Fehler (Mieszko I. nahm das Christentum 966 an und nicht, wie Davies zweimal schreibt, im Jahre 965) zu korrigieren.
[5]. Angemerkt sei, dass in der Arbeit von Johannes Kaps, auf die Davies sich an dieser Stelle bezieht, die polnische Aussiedlungspolitik breit dargestellt wird.
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Citation:
Bernard Linek. Review of Davies, Norman, Im Herzen Europas: Geschichte Polens.
HABSBURG, H-Net Reviews.
March, 2002.
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