Evelyn Kolm. Die Ambitionen Ö?sterreich-Ungarns im Zeitalter des Hochimperialismus. Frankfurt: Peter Lang, 2001. 336 S. EUR 60,30 (broschiert), ISBN 978-3-631-37348-4.
Reviewed by Guenther Kronenbitter (Universität Augsburg)
Published on HABSBURG (February, 2002)
Imperialismus made in Vienna
Imperialismus made in Vienna
Österreich-Ungarns wenig erfolgreiche Beteiligung am Wettbewerb der Grossmächte um Kolonialbesitz und Einflusszonen in der Epoche des Hochimperialismus hat schon die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf sich gezogen, und auch die Historiker haben sich wiederholt mit vielen Aspekten des Themas auseinandergesetzt. Die Hauptleistung des Buches von Evelyn Kolm, Assistentin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Wiener Wirtschaftsuniversität, besteht darin, aus der vorhandenen Spezialliteratur einen Gesamtüberblick über Österreich-Ungarns--zumeist frustrierte--imperialistische "Ambitionen" zu erarbeiten, der durch die Heranziehung von Akten des Haus-, Hof- und Staatsarchivs sowie von einschlägigen publizierten Quellen abgerundet wird. Es ist sehr begrüssenswert, die in der Habsburgermonarchie diskutierten und teilweise vom Ballhausplatz auch aussenpolitisch vorangetriebenen Bemühungen um Einflusszonen in Übersee, auf dem Balkan und in Kleinasien in einem Band handlich zusammengestellt zu finden. Da zudem der wirtschaftsgeschichtliche Hintergrund thematisiert wird, handelt es sich zweifellos um eine willkommene Ergänzung der bisherigen Forschungsliteratur.
Was jedoch den Nutzen des Bandes mindert, ist ein nicht immer plausibel erscheinender Aufbau der Studie. Auf die Einleitung folgt ein relativ kurzes Kapitel über imperialistische Tendenzen wirtschaftlicher Interessensvertretungen und über expansionistisch eingestellte Publikationsorgane im Habsburgerreich. Anschliessend werden die politischen und vor allem wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dieser imperialistischen "Ambitionen" skizziert. Nur 16 Seiten sind den österreichisch-ungarischen Expansionsvorhaben in Übersee (Afrika, Pazifik, Asien) gewidmet; zwei Drittel davon befassen sich mit den Bestrebungen, den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der Donaumonarchie in China auszubauen. Drei Kapitel und fast 120 Seiten beschäftigen sich mit wirtschafts- und verkehrsimperialistischen Bestrebungen Österreich-Ungarns in Südost-Europa sowie mit den Bemühungen, im kleinasiatisch-kaukasischen Raum eine Interessensphäre durchzusetzen.
Kommt es schon bei Darstellung der handelspolitischen Entwicklung auf dem Balkan (Kapitel V.1) zu Überschneidungen mit der Skizze der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (Kapitel III.2), so gilt ähnliches für die Ausführungen zum österreichisch-ungarischen Finanzimperialismus, die neben einigen allgemeinen Bemerkungen vor allem Anleihegeschäfte in China und die Orientbahn-Frage betreffen, die in den Kontext anderer Kapitel gehören (IV.3 und VI). Nach einem Abschnitt über Bosnien-Herzegowina wendet sich Kolm den Gründen für das Scheitern der imperalistischen Bestrebungen Österreich-Ungarns zu. Den Abschluss des Buches bilden Überlegungen zur Anwendbarkeit von Imperialismus-Theorien auf den Fall der Donaumonarchie. Es mischen sich also im Aufbau der Untersuchung Kapitel zu einzelnen expansionistischen Projekten mit solchen zu einer generellen Beurteilung des österreichisch-ungarischen Imperialismus. Es wäre der Übersichtlichkeit des Buches zugute gekommen, wenn eine transparentere Struktur Anwendung gefunden hätte. So bleibt unklar, ob eigentlich die Beschreibung der gescheiterten Expansionsvorhaben im Zentrum der Abhandlung stehen soll oder deren Analyse.
Besonders augenfällig macht dies das Kapitel XI über Imperialismus-Theorien und die Fallstudie Österreich-Ungarn: Hier werden allgemeine Informationen zur Wirtschaftsgeschichte der Habsburgermonarchie, die teilweise bereits an anderer Stelle dargeboten wurden, neben kurze Zusammenfassungen einiger Imperialismus-Theorien gesetzt, um so zu einem Urteil über die von Kolm aufgeführten expansionistischen Bestrebungen Österreich-Ungarns zu gelangen. Was jedoch fehlt, ist eine--und sei es auch nur ganz knapp gehaltene--Auseinandersetzung mit den diversen Imperialismus-Theorien, deren Kohärenz und Plausibilität wohl stillschweigend vorausgesetzt wird. Ohne eine solche Stellungnahme, die am Anfang und nicht am Ende des Textes platziert werden sollte, fehlt dem Buch aber der rote Faden.
Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass Kolm praktisch die gesamte Balkan-Politik der Donaumonarchie in ihre Darstellung einbezieht, freilich ohne die dabei wichtigen Entwicklungen der Grossmachtbeziehungen angemessen zu berücksichtigen. Der Zusammenhang zwischen traditioneller Grossmachtpolitik und Imperialismus, der schon Heinrich Friedjung beschäftigte, wird in konkreten Beispielen erkennbar, aber erklärt wird er nicht. Mit dem Hinweis, die "Motivenstruktur hinter den österreichisch-ungarischen Imperialismus-Ansätzen muss in einer Synthese der ökonomischen und der Schumpeter'schen Imperialismustheorie gesehen werden" (S. 305 f.), ist es dabei nicht getan, selbst wenn noch Wehlers Sozialimperialismus-These ins Feld geführt wird.
In China, auf dem Balkan und in Kleinasien--das macht Kolm immer wieder deutlich--war das Streben nach politischem Prestige wichtiger als konkrete wirtschaftliche Interessen. Welcher Zusammenhang lässt sich dann zwischen Prestige-Politik und Wirtschaftslage herstellen? Im Hinblick auf die Pläne, in Kleinasien eine Einflusszone zu sichern, schreibt Kolm: "Kurz vor dem Ersten Weltkrieg begann der, soweit bekannt, letzte Versuch Österreich-Ungarns, seine wirtschaftlichen und politischen Probleme durch eine Expansionspolitik abzumildern." (S. 184) Diese Annahme scheint sich an die Sozialimperialismus-These anzulehnen, aber es bleibt unklar, wieso das Kleinasien-Vorhaben geeignet gewesen sein sollte, wirtschaftliche und politische Probleme nennenswert "abzumildern". Unter den Gründen für das Scheitern der imperialistischen Vorhaben Österreich-Ungarns führt Kolm neben der Schwäche des Waren- und Kapitalexports vor allem die Eigenheit des politischen Systems der Doppelmonarchie an, vom Dualismus bis zum relativ geringen politischen Einfluss des Wirtschaftsbürgertums. Das ist ohne Zweifel plausibel, aber welches relative Gewicht ist den wirtschaftlichen und den politischen Faktoren zuzumessen?
Ohne eine Auseinandersetzung mit der Frage, welcher Erklärungszusammenhang zwischen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und innenpolitischen Entwicklungen einerseits, imperialistischen Expansionstendenzen andererseits angenommen werden soll, bleiben die Antworten aus. Eine genauere Untersuchung der Träger wie der Kritiker imperialistischer Bestrebungen im Habsburgerreich, unter den Lobbyisten und in der Publizistik, in Industrie, Agrarwirtschaft und Hochfinanz, in den Parlamenten und Ministerien, in den Streitkräften und unter den Diplomaten, wäre wichtiger als die aneinandergereihten Darstellungen der Expansonsprojekte. Dennoch: Das Buch von Evelyn Kolm schliesst eine Lücke in der wissenschaftlichen Literatur, auch ohne selbst grundlegend neue Forschungsergebnisse beizutragen.
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Citation:
Guenther Kronenbitter. Review of Kolm, Evelyn, Die Ambitionen Ö?sterreich-Ungarns im Zeitalter des Hochimperialismus.
HABSBURG, H-Net Reviews.
February, 2002.
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