Andreas Moritsch, Hrsg. Der Prager Slavenkongress 1848. Wien: BÖ¶hlau Verlag, 2000. 192 S. 73 (gebunden), ISBN 978-3-205-99288-2.
Reviewed by Eduard Mikusek (Regionales Staatsarchiv Litomerice, Tschechische Republik)
Published on HABSBURG (June, 2001)
Der Prager Slavenkongress nach 150 Jahren
Der Prager Slavenkongress nach 150 Jahren
"Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des Kommunismus" bleibt wahrscheinlich die bekannteste Parole, die aus den unzaehligen Broschueren des Jahres 1848 bis heute ueberlebte, wenigstens unter allen in Osteuropa, die noch pflichtmaessige marxistische Schulung bestanden. Nur wird dieser beruehmte Anfang des Manifestes von Marx und Engels mit der Darstellung ihrer gesellschaftlichen Theorie auch von Historikern nicht immer im Zusammenhang mit der Revolution der Jahre 1848/49 aufgefasst. Dies gilt besonders fuer Historiker der Revolutionsereignisse in Ostmitteleuropa, wo schon fuer die Zeitgenossen jeweilige soziale Probleme von anderen aktuellen Fragen ueberschattet wurden, in erster Reihe von den Forderungen nationalpolitischen Charakters, die einzelne Voelker zur Erhaltung und Sicherung ihrer Nationalexistenz damals endlich frei erhoben oder sogar mit der Waffe in der Hand zu erkaempfen suchten, darunter auch die slavischen Voelker innerhalb und ausserhalb der Habsburgermonarchie.
Das Bemuehen der Slaven kreuzte sich zumeist mit der gleichzeitigen Idee nach der grossdeutschen Vereinigung, die ihre Verkoerperung in der am 18. Mai in Frankfurt am Main feierlich eroeffneten Nationalversammlung gefunden hat. Die von der deutschen liberalen Publizistik unablaessig verbreitete und befestigte Furcht vor dem Despotismus, dessen Verkoerperung das russische Zarenreich darstellte, in Verbindung mit den traditionellen Vorurteilen gegenueber den Slaven, deren Kulturniveau abwertend beurteilt wurde, machten fuer die Deutschen aus den Slaven beruechtigte Gegner. Ohne Uebertreibung kann man sagen, dass fuer die mitteleuropaeischen Verhaeltnisse mehr als die beruehmte Parole des Kommunistischen Manifestes fuer das Jahr 1848 ihre Paraphrase kennzeichnend ist: "Das Gespenst des Panslavismus geht um in Mitteleuropa." Um so mehr galt dies nach der Bekanntgabe, dass Vertreter aller slavischen Staemme im Juni auf einem Kongress in Prag zusammentreffen sollten.
Als eine panslavistische Manifestation galt dieses Treffen, das Anfang Juni 1848 in Prag von slavischen Voelkern innerhalb und ausserhalb der Habsburgermonarchie beschickt wurde, auch fuer die spaetere deutschsprachige Historiographie, und diese Beurteilung kommt auch in der juengsten Zusammenfassung der oesterreichischen Geschichte des 19. Jahrhunderts von Helmut Rumpler, wenn auch relativiert, noch vor. [1] Anders in dem hier zu besprechenden Sammelband, dessen Herausgeber Rumplers Kollege an der Klagenfurter Universitaet, der dortige Ordinarius fuer Geschichte Ost- und Suedosteuropas Andreas Moritsch war, und der Beitraege eines Kolloquiums zusammenfasst, das im Juli 1998 in Tratten (Kaernten) schon zum viertenmal stattfand. Die grenzueberschreitenden Themen der drei frueheren Tagungen fanden bei der Gelegenheit der 150. Wiederkehr des Revolutionsjahres ihre Fortsetzung in der vielseitigen Behandlung der mit dem Slavenkongress verbundenen Fragen, wobei Historiker aller slavischen Nationalitaeten der ehemaligen Habsburgermonarchie, aehnlich wie ihre Vorfahren 1848 in Prag, vertreten waren.
Nicht alle gedruckten Referate stehen natuerlich zum Thema der Tagung in gleicher Beziehung, und bei einigen ist der Zusammenhang mehr als locker. Die Beitraege von Vasilij Melik (Der Blick der Slovenen in die Welt 1843-1848) und Stane Granda (Die slovenisch-kroatischen Beziehungen im Revolutionsjahr 1848/49) stellen analytische Studien dar, die Teilprobleme aus der Geschichte der Slovenen behandeln: Die erste in aller Kuerze die Berichterstattung der einzigen Zeitung in slovenischer Sprache Novice, die andere eingehend dann die sogenannten Kroatischen Petitionen der slovenischen Bauern. Olga V. Pavlenko bietet eine uebersichtliche Darstellung der russischen autokratischen Auffassung der russisch-oesterreichischen Beziehungen, die ganz unabhaengig von einer slavischen Komponente durch die monarchische Solidaritaet bestimmt wurde. Und in noch lockerer Beziehung zum Slavenkongress stehen Fragen der Staatsauffassung, die am Beispiel des byzantinischen mittelalterlichen Kaisertums Gudrun Schmelzbauer stellt, deren Beitrag den Sammelband schliesst.
Die meisten Beitraege haben aber natuerlich den Kongress und seine Bedeutung in der Geschichte der einzelnen slavischen Voelker zum Inhalt, was schon ihre Titel widerspiegeln: Die Tschechen, und dann aehnlich die Slovaken, die Polen, die Ukrainer, die Slovenen, die Kroaten und der Prager Slavenkongress lauten sich wiederholende Benennungen der Referate von Jiri Pokorny, Dusan Skvarna, Antoni Cetnarowicz, Vasyl M. Botusanskyj, Janez Cvirn und Iskra Iveljic.
Es ist nur zu bedauern, dass es diesem bunten Gesamtbild an einer serbischen Komponente mangelt, die die Luecke fuellen koennte, welche schon ein aehnlicher Sammelband aufweist, der unter dem Titel 1848/49. Revolutionen in Ostmitteleuropa von Rudolf Jaworski und Robert Luft 1996 herausgegeben wurde. [2] Die diesem Band beigeschlossene Bibliographie von Eckhard Huebner stellt jedoch fuer den hier zu besprechenden Sammelband eine wuenschenswerte Ergaenzung dar, da die diesen osteuropaeischen Ereignissen gewidmete bibliographische Aufmerksamkeit sonst ganz ungenuegend ist.
Um so staerker ist dafuer die tschechische und slovakische Problematik vertreten (Beitraege von Jiri Staif, Daniela Kodajova und Andrej Rozman), die auch in dem Referat ueber "Das Problem der Konfession am Prager Kongress" von Christian Hannick erscheint.
Einen zusammenfassenden Blick auf die ganze Problematik des Slavenkongresses, soweit es in einem Konferenzreferat nur moeglich war, bietet der Veranstalter der Tagung Andreas Moritsch in dem Beitrag "Revolution 1848 - Oesterreichs Slaven wohin" und in seiner Einleitung zum ganzen Sammelband. Am Beginn des Bandes steht das Vorwort aus der Feder Erhard Buseks, worin dieser oesterreichische Politiker die Relevanz des Prager Slavenkongresses fuer den heutigen europaeischen Integrationsprozess zu zeigen versucht.
Unter den an dem Inhalt des Sammelbandes beteiligten Personen ist aber nach der Meinung des Rezensenten besonders ein tschechischer Historiker hervorzuheben, wiewohl sein Name im Inhaltsverzeichnis gar nicht aufscheint. Desto oefter ist er im Anmerkungsapparat mehrerer Beitraege vertreten, deren Verfasser ihre Aussagen mit Verweisen auf die Edition belegen, die von Vaclav Zacek unter dem Titel Slovansky sjezd v Praze roku 1848 in Prag 1958 herausgegeben worden ist. [3] Dieses Editionswerk, Ergebnis mehrjaehriger Arbeit Zaceks und seines um eine Generation aelteren Mitarbeiters Zdenek V. Tobolka, der schon 1901 in seinem Buch ueber den Prager Kongress zum erstenmal die wichtigsten Quellenunterlagen zusammenstellte, [4] findet hier eine ueberzeugende Bestaetigung seiner grundlegenden Bedeutung.
Dies sei nur zur Ergaenzung der Trattener Tagung gesagt, deren wissenschaftlicher Wert von einer ganz anderen Art ist und in erster Reihe im Vergleich der vorhandenen Vielfalt der national bedingten historiographischen Ansichten liegt. Und dies ist auf keinen Fall unbedeutend. Ein politisch so hoch brisantes Unternehmen, wie es der Slavenkongress in seiner Zeit unzweifelhaft gewesen ist, obwohl heute in breiten Schichten in Vergessenheit geraten, wird nur scheinbar zur toten Vergangenheit, die nicht erweckt werden kann. Im Gegenteil, er behaelt seine ideologische Wirkungskraft, die in dafuer guenstigen Verhaeltnissen aufleben kann, besonders wenn es Menschen gibt, die in Anspielung an Nietzsches Worte ihren Nutzen aus der Historie, leider aber zum Nachteil fuer das Leben ihrer Mitmenschen ziehen koennen.
Zu unzaehligen Beispielen, wie ein historisches Ereignis unter ganz anderen Umstaenden politisch ausgenuetzt werden kann, gehoert auch der Prager Slavenkongress des Jahres 1848, worauf Jiri Novotny in seinem Aufsatz aufmerksam macht. Mit dem Verweis auf die tschechiche Tagespresse erwaehnt er zum Schluss seines Beitrags ein Zusammentreffen von Delegierten aus zwoelf Laendern, die am 150. Jahrestag des Slavenkongresses vor einem Prager Hotel eine Linde als das traditionelle Slavensymbol gepflanzt und zugleich einen Protest gegen die NATO erhoben hatten. Die dazu herausgegebene Broschuere mit dem Resumee in deutscher, russischer, polnischer, englischer und serbischer Sprache in einer Auflage von fast unglaublichen 10.000 Exemplaren bestaetigt dann den Verdacht, dass es sich um ein propagandistisches Unternehmen der kommunistischen Partei handelte, was naemlich nicht nur der Inhalt, sondern auch der Name des ehemaligen leitenden Schriftleiters der kommunistischen Tageszeitung Rude pravo (Rotes Recht) als verantwortlicher Herausgeber der Broschuere bezeugt.
Unaufhoerlich sich wiederholende Versuche die Vergangenheit zu instrumentalisieren gehoeren voellig zur Geschichte, und Historiker koennen daran kaum etwas aendern. Zu ihrer Aufgabe aber gehoert Ruestzeug zu liefern, dass wenigstens dem Missbrauch der Geschichte Hindernisse gestellt werden, wenn es fuer die Menschheit so unglaublich schwer ist, Nutzen aus der Historie zu ziehen. Internationale Zusammentreffen wie die Tagungen in Tratten hatten fuer die Erfuellung dieser Aufgabe einen hohen und unbestreitbaren Wert; desto mehr muss es uns leid tun, dass ihr Organisator und Herausgeber des Sammelbandes, Professor Andreas Moritsch, am 27. Februar dieses Jahres im Alter von nur 64 Jahren gestorben ist.
Anmerkungen:
[1]. Helmut Rumpler, Eine Chance fuer Mitteleuropa. Staatsverfall und buergerliche Emanzipation in der Habsburgermonarchie (Oesterreichische Geschichte 8, Wien: Ueberreuter, 1997).
[2]. 1848/49. Revolutionen in Ostmitteleuropa. Vortraege der Tagung des Collegium Carolinum in Bad Wiessee vom 30. November bis 1. Dezember 1990, hrsg. v. Rudolf Jaworski und Robert Luft (Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum 18, Muenchen: Oldenbourg, 1996).
[3]. Slovansky sjezd v Praze roku 1848. Sbirka dokumentu, hrsg. v. Vaclav Zacek (Prag: Nakladatelstvi ceskoslovenske akademie ved, 1958).
[4]. Zdenek Tobolka, Slovansky sjezd v Praze roku 1848 (Slovanska knihovna 1, Prag: Simacek, 1901).
Copyright (c) 2001 by H-Net, all rights reserved. This work may be copied for non-profit educational use if proper credit is given to the reviewer and to HABSBURG. For other permission, please contact <reviews@h-net.msu.edu>.
If there is additional discussion of this review, you may access it through the list discussion logs at: http://h-net.msu.edu/cgi-bin/logbrowse.pl.
Citation:
Eduard Mikusek. Review of Moritsch, Andreas; Hrsg., Der Prager Slavenkongress 1848.
HABSBURG, H-Net Reviews.
June, 2001.
URL: http://www.h-net.org/reviews/showrev.php?id=5245
Copyright © 2001 by H-Net, all rights reserved. H-Net permits the redistribution and reprinting of this work for nonprofit, educational purposes, with full and accurate attribution to the author, web location, date of publication, originating list, and H-Net: Humanities & Social Sciences Online. For any other proposed use, contact the Reviews editorial staff at hbooks@mail.h-net.msu.edu.



