Erwin A. Schmidl, Hrsg. Ö?sterreich im frÖ¼hen Kalten Krieg 1945-1958. Spione, Partisanen, KriegsplÖ¤ne. Wien: BÖ¶hlau Verlag, 2000. 275 S. DM 69.80 (gebunden), ISBN 978-3-205-99216-5.
Reviewed by Michael Wala (St. Olaf College )
Published on HABSBURG (May, 2001)
Von Spionen, Alpenfestung und Rosinenbombern über Wien
Von Spionen, Alpenfestung und Rosinenbombern ueber Wien
Der vorliegenden Band geht auf eine Tagung in Wien im September 1998 zurueck. Wie der Untertitel verraet, geht es in dieser Aufsatzsammlung um die nachrichtendienstliche und militaerische Seite des Kalten Krieges in Oesterreich.
In einer historiographischen Einfuehrung stellt Guenter Bischof einen kurzen Ueberblick ueber die verschiedenen Schulen der amerikanisch-europaeischen Diplomatiegeschichte vor. Er macht das zu einem Teil mit recht spitzer Feder, und seine eigenen Praeferenzen treten deutlich hervor, wenn er beispielsweise von oesterreichischen Arbeiten zum Kalten Krieg spricht, die vom "Steinzeitrevisionismus" (S. 50) gepraegt seien. Bischof stellt als den bislang ueberzeugendsten Periodisierungsversuch fuer den Kalten Krieg den Ansatz von Fred Halliday vor, der eine Einteilung in einen "Ersten Kalten Krieg" (1945/47-1953), eine Phase des "Oszillierenden Antagonismus" (1954/55-1968), der "Detente" (1969-1979) und des "Zweiten Kalten Krieges" (1980-1989/91) vornimmt. Das erstaunt: Der Band selbst macht sich diese Periodisierung nicht zu eigen, sondern umfasst den "fruehen Kalten Krieg" (1945-1958). Wenn eine Periodisierung zu einer Systematisierung und damit zu einem hoeheren Erkenntniswert fuehren soll, dann waere der vorliegende Band dazu eine gute Moeglichkeit gewesen.
In einem zweiten, wichtigen Teil stellt Bischof die oesterreichische Geschichtsschreibung zum Kalten Krieg vor und findet, trotz erfreulicher Entwicklungen, einiges im Argen. Er zeigt auf, dass besonders die Arbeiten aus Salzburg (um Fritz Fellner), Wien (um Gerald Stourzh) und spaeter Innsbruck (um Rolf Steininger) der oesterreichischen Geschichtsschreibung ueber den Kalten Krieg auch im Ausland einen guten Namen gemacht haben. Reinhold Wagnleiter und Siegfried Beer haben mit international gepriesenen Arbeiten die cultural studies und die intelligence studies zu ernst genommenen Forschungsfeldern in Oesterreich gemacht. Und auch die Militaergeschichte hat in der Alpenrepublik wesentliches geleistet. Bischofs Mahnung, dass die Fragestellungen zur Sicherheits- und Kulturpolitik des Kalten Krieges noch lange nicht erschoepft sind, dass gender studies und mentalitaetsgeschichtliche Ansaetze sowie Versuche zur Dekonstruktion der Sprache des Kalten Krieges in Oesterreich wichtige Forschungsdesiderata waeren, macht gleichzeitig auch das groesste Manko des vorliegenden Bandes deutlich: diese Seite des Kalten Krieges fehlt fast vollstaendig.
Wer also den Untertitel des Bandes ueberliest - "Spione, Partisanen, Kriegsplaene" - wird enttaeuscht. Die militaergeschichtlichen Aspekte und die intelligence studies jedoch, und das verspricht der Untertitel ja auch, stehen im Vordergrund. Dies ist umso erfreulicher, als sich die Militaergeschichte langsam aus ihrem Schattendasein herauszuschaelen beginnt und mit der Nachrichtendienstgeschichte ein wichtiges Forschungsfeld in den Vordergrund tritt, das in den meisten historischen Teildisziplinen lange Zeit zu Unrecht kaum ernst genommen wurde.
James Jay Carafano macht in seinem englischsprachigen Beitrag ueber die nachrichtendienstlichen Operationen der US Army deutlich, wie wichtig es fuer das Verstaendnis der amerikanischen Besatzungspolitik in Oesterreich ist, die nachrichtendienstlichen Hintergruende zu beleuchten. Er zeigt auf, dass die amerikanischen Erfahrungen im Ersten und Zweiten Weltkrieg sehr starke Auswirkungen auf die Planung fuer die Besatzungszeit hatten. Sie dienten als ein Muster, an dem sich die Vorbereitungen der Besatzung als eine militaerische Operation orientierten, die auf der Einschaetzung des Gefaehrdungspotentials basierten. Es nimmt daher nicht Wunder, dass intelligence eine massgebliche Rolle bei der Vorbereitung und Durchfuehrung der Besatzung Oesterreichs spielte.
Dass eine so fundierte Besatzungspolitik deutlich militaerische Zuege trug, Alternativen gar nicht erwogen wurden, laesst sich so leicht nachvollziehen. Nicht so ueberzeugend und gleichzeitig hochinteressant ist Carafanos Argument, dass die Sowjetunion erst in dem Moment als eine Bedrohung von den Auswertern der Nachrichtendienste wahrgenommen wurde, zu dem "hoehere Stellen" (wer das ist, wird leider nicht recht deutlich) die UdSSR als Gefahr definieren (S. 71). Das wuerde auf ein Versagen der Nachrichtendienste und/oder auf die schwierige Verbindung zwischen Politik und Nachrichtendiensten hindeuten. Ein solcher Dienst muss ja das threat potential an allen Stellen, unabhaengig von der politischen Landschaft, deuten, wenn er die grosse Muehe wert sein soll, die die Beschaffung von nachrichtendienstlich verwertbaren Daten macht. Paranoia, koennte man sagen, ist die Grundlage des Geschaefts.
Siegfried Beer packt in seinem hervorragend strukturierten und sehr informativen Beitrag das Thema der Aktivitaeten der amerikanischen Nachrichtendienste in Oesterreich auf einer breiteren Basis an. Wir erhalten eine Einfuehrung in die Aktenlage, in die Organisationsstruktur, die Taetigkeit der amerikanischen Geheimdienste im Allgemeinen und des Office of Strategic Services in Oesterreich waehrend des Zweiten Weltkriegs im Speziellen, bevor Beer uns seine Forschungsergebnisse ueber die amerikanischen Geheimdienste im besetzten Oesterreich vorlegt. Er bestaetigt Carafanos Argument, dass die UdSSR erst Ende 1946 staerker als Bedrohung in den Vordergrund rueckte. Dies korrespondiert mit der zunehmenden Auseinandersetzung auf der diplomatischen Ebene (die Truman Doctrine vom Maerz und der Marshallplan ab Sommer 1947 sind hier nur der augenscheinlichste Ausdruck der Verschlechterung der Beziehungen zwischen UdSSR und USA), aber es korrespondiert auch mit der zunehmenden Anstellung frueherer Mitarbeiter der deutschen Abwehr, der Gestapo und des Sicherheitsdienstes der SS durch die amerikanischen Dienste ab Mitte 1946. Beer stellt eine Korrelation zwischen diesen beiden Vorgaengen nicht her, aber es wuerde sich sicherlich lohnen, hier weiter nachzuforschen.
Wer von dem Beitrag von Arnold Kopeczek mit dem Titel "Die amerikanischen Waffenlager, die 'Einsatzgruppe Olah' und die Staatspolizei im Kalten Krieg der fuenziger Jahre" fundierte und quellenbasierte Aufklaerung ueber die Zusammenarbeit zwischen dem Praesidenten des Oesterreichischen Gewerkschaftsbundes Franz Olah und dem CIA erwartet, wird enttaeuscht. Der Autor widmet gerade einmal eineinhalb Seiten des siebzehnseitigen Beitrages diesem Hauptthema seines Aufsatzes und kann kaum mehr als vage Vermutungen aeussern; ueber die Erkenntnisse seiner Dissertation von 1992 geht er nicht hinaus. [1] Kopeczek bietet zwar einen Ueberblick ueber die innenpolitische Ebene und nennt einige brisante Faelle fragwuerdiger Nachrichtendienstmitarbeiter (Jan Robert Verbelen und Karoly Ney), aber die Beispiele bleiben weitgehend unverbunden, werden kaum zu einer befriedigenden Synthese zusammengefuehrt, und es werden weitaus mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.
Edda Engelke hat fuer ihren Beitrag ueber die Spionage gegen die Sowjetunion interessantes neues Aktenmaterial sichten koennen: die Personalakten von Oesterreichern, die von sowjetischen Militaertribunalen und der "Sonderkommission" (OSO) wegen Spionage verurteilt wurden. Diese Akten ermoeglichen einen Einblick in die Taetigkeitsfelder und auch in die Beweggruende, die Oesterreicher dazu verleitet haben, sich dieser hoechst gefaehrlichen Aufgabe zu widmen. Leider fehlt ein Ueberblick darueber, wie viele solcher Faelle aktenkundig geworden sind, wie viele Maenner und Frauen spioniert haben, welche Motivationen in den meisten Faellen zugrunde liegen. Das liegt natuerlich auch an Aktenlage und Zugang zu Archivmaterial der ehemaligen UdSSR, aber eine Einschaetzung, wenn auch gewagt, haette die vorgestellten, hoechst interessanten Einzelfaelle in eine aussagekraeftigere Perspektive ruecken koennen. Da viele der Agenten von amerikanischen Stellen angeworben und gefuehrt wurden, waere ein Abgleich mit amerikanischen Quellen wuenschenswert.
Dass Oesterreichs Lage an der Nahtstelle zwischen Westeuropa, Osteuropa und dem Balkan das Land zu einem fast natuerlichen Schlachtfeld fuer verschiedene bewaffnete Gruppen gemacht hat, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fuer die jeweilig vermeintliche Freiheit ihres Landes gekaempft haben, macht der ausfuehrliche Ueberblick von Rudolf Jerabek deutlich. Anhand von drei auslaendischen Partisanen- oder Terrorgruppen (Begriffe, die er problematisiert) zeigt der Autor die Vielfalt der militaerischen Aktivitaeten und den Zeitraum (der bis in die Gegenwart reicht) auf. Dabei folgten diese Aktivitaeten der politischen Grosswetterlage, wurden ukrainische und juedische von jugoslawischen und zuletzt palaestinensischen Gruppen abgeloest. Der Autor schliesst mit der Bemerkung, dass zumindest die Partisanenaktivitaeten gegen Jugoslawien vor dem "bis 1989 anhaltenden Gefuehl, dass die Geschichte fuer Europa - und Oesterreich - 'gelaufen' sei und man in absehbarer Zeit sicher nicht mit abrupten Machtveraenderungen oder gar Grenzverschiebungen zu rechnen habe" abnahmen (S. 170). Nun, das propagierte Ende der Geschichte ist nicht eingetreten, der Balkan ist wieder ein Pulverfass. Lage und Geschichte, das macht Jerabeks Beitrag deutlich, wird Oesterreich auch weiterhin an die militaerischen Auseinandersetzungen der Region binden und in sie verwickeln.
Dass die Nachkriegszeit fuer Oesterreich und Deutschland, fuer Wien und Berlin, vergleichbar waren und doch gravierende Unterschiede aufweist, stellt Erwin A. Schmidl in seinem Beitrag ueber die Planungen fuer eine moegliche Versorgung Wiens durch eine Luftbruecke dar. Der Autor zeigt detailliert die Probleme auf, denen sich eine Planung allein schon wegen der fehlenden Flugplaetze in Wien unter Kontrolle der Westalliierten gegenueber sah. Allerdings war deutlich, dass eine gleichzeitige Versorgung Berlins und Wiens durch die Luft schon deshalb nicht moeglich war, weil nicht genuegend Fluggeraet zur Verfuegung stand.
Nicht verwunderlich, aber deutlich ist die unbedingte Prioritaet fuer Berlin, die Schmidl feststellt. Wien war also im Fall einer Blockade auf Vorraete angewiesen. Unter dem passenden Codenamen Squirrel Cage wurden mit hohem Einsatz von Personal und Kosten Nahrungsmittellager eingerichtet, aus denen die Wiener Bevoelkerung drei Monate lang versorgt werden sollte. Wie an anderen Schauplaetzen des Kalten Krieges, loeste sich auch hier die Anspannung nach dem Ende des Koreakrieges, und die Lager wurden langsam abgebaut. Schmidls Darstellung zeigt, wie vorsichtig die Westalliierten agierten, um eine Eskalation der Spannungen zu verhindern und wie deutlich ihre Prioritaeten in Richtung Berlin verschoben waren.
Dass die Westalliierten durchaus unterschiedliche Strategien verfolgten, berichtet Bruno W. Koppensteiner in seinem Beitrag. Waehrend Amerikaner und Briten in ihrer militaerischen Strategie darauf setzten, dass eine Verteidigung Europas gegen einen moeglichen (gleichwohl fuer unwahrscheinlich gehaltenen) Angriff durch die UdSSR erfolgreich erst weit im Westen moeglich waere, war man in Frankreich nicht bereit, die franzoesische Besatzungszone aufzugeben - eine verstaendlich andere Einstellung: Frankreich war die einzige kontinentaleuropaeische Macht unter den Westalliierten. Ganze Bereiche sollten durch Sprengung von Bruecken und Sperrung von Strassen zu Festungen werden, die gegen einen vorrueckenden Gegner gehalten werden konnten. Koppensteiner liefert einen in die Tiefe reichenden Eindruck ueber die Sprengvorbereitungen. Die im Faksimile abgedruckten Dokumente und die Karte auf der hinteren inneren Umschlagseite sind dabei sehr hilfreich.
Ueber die Frage, welchen strategischen Zweck diese auch gegen Widerstaende der amerikanischen Partner vorangetriebene Einrichtung einer "Alpenfestung" hatte, kann der Autor nur spekulieren: den moeglichen Vormarsch feindlicher Truppen aus der Flanke zu stoeren und dadurch zu verzoegern, um den westlichen Kraeften mehr Zeit fuer den Aufbau von Verteidigungsstellungen moeglichst weit westlich zu ermoeglichen, den Rueckzug von Truppen nach Italien zu decken, waren Ueberlegungen, die angestellt wurden. Aber es ist auch durchaus moeglich, wie Koppensteiner vermutet, dass die oesterreichische Alpenfestung franzoesischer Machart einen erneuten (auch friedlichen?) Anschluss an Deutschland verhindern sollte, die Basis fuer einen Kampf nicht gegen einen oestlichen, sondern gegen einen noerdlichen Gegner vorbereitet wurde.
Walter Blasi bringt den Untersuchungszeitraum, den der Band abdeckt, mit seinem Beitrag ueber die Libanonkrise 1958 und die amerikanischen Ueberfluege ueber Oesterreich bis in die spaeten 50er Jahre. Die kuenftige Linie der Neutralitaets- und Aussenpolitik der Alpenrepublik bis zur Mitte der 70er Jahre wurde durch diese Ereignisse bestimmt. Blasi macht deutlich, wie sensibel die Oesterreicher darauf reagieren mussten, dass die Vereinigten Staaten wie selbstverstaendlich annahmen, dass sie die oesterreichische Lufthoheit missachten durften. Dabei war nicht die innere Einstellung zur ideellen Westbindung massgeblich, sondern fuer Oesterreich musste die geopolitische Lage zwischen Ost und West die Grundlage der Aussenpolitik bilden. In der UdSSR, das kann man aus Blasis Beitrag deutlich herauslesen, war man sich bewusst, dass Oesterreich zwar nominell neutral aber tatsaechlich ein Anhaengsel der westlichen Allianz war. Der Versuchung, die Grenzen der Neutralitaet, die von der UdSSR massgeblich mit getragen worden war, zu testen, in dem auch die Sowjetunion das Recht begehrte, mit Militaermaschinen Oesterreich zu ueberfliegen, hat die UdSSR offensichtlich widerstanden.
Dass Oesterreich gar nicht die Mittel hatte, sich einer Verletzung ihres Luftraums durch die USA zu wiedersetzen, wie Blasi anmerkt, ist da schon fast nebensaechlich: ein Angriff rot-weiss-roter Abfangjaeger auf amerikanische Militaermaschinen ist jenseits des Vorstellbaren. Innenpolitisch dienten die ungeliebten amerikanischen Ueberfluege einer politischen Medienkampagne (gesteuert durch die UdSSR) und letztendlich der Staerkung der Neutralitaet.
Trotz der angedeuteten Probleme ist der Band ein wichtiger Beitrag zur militaerischen und nachrichtendienstlichen Geschichte Oesterreichs in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Er fasst Forschungsergebnisse zusammen, stellt neuere Forschung vor und hilft damit, weitere Arbeiten auf diesem Gebiet zu fundieren. Er fordert aber zugleich heraus, sich den Fragen, die in einzelnen Beitraegen aufgeworfen werden, durch weitere und breitere Forschungsarbeit zu widmen.
Anmerkung:
[1]. Arnold Kopeczek, Fallbeispiele des kalten Krieges in Oesterreich 1945-1965 (phil. Diss. Univ. Wien 1992).
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Michael Wala. Review of Schmidl, Erwin A.; Hrsg., Ö?sterreich im frÖ¼hen Kalten Krieg 1945-1958. Spione, Partisanen, KriegsplÖ¤ne.
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