Aleksandar Jakir. Dalmatien zwischen den Weltkriegen. Agrarische und urbane Lebenswelt und das Scheitern der jugoslawischen Integration. MÖ¼nchen: R. Oldenbourg Verlag, 1999. 534 S. DM 88 / ATS 630 (gebunden), ISBN 978-3-486-56447-1.
Reviewed by Christian Promitzer (Abteilung für Südosteuropäische Geschichte/Institut für Geschichte, Karl-Franzens-Universität Graz)
Published on HABSBURG (November, 2000)
Dalmatien zwischen den Weltkriegen
Dalmatien zwischen den Weltkriegen
Deutschsprachige Regionalgeschichten aus dem Bereich der Suedosteuropaeischen Geschichte sind immer noch eine Seltenheit, zumal solche, die neben den politischen Ereignissen vor allem die Determinanten wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung ins Zentrum der Darstellung ruecken. Diesen Anspruch versucht jedenfalls Aleksandar Jakir mit seiner im Oldenbourg-Verlag gedruckten und an der Universitaet Erlangen-Nuernberg im Wintersemester 1996/97 angenommenen Dissertation ueber das Dalmatien der Zwischenkriegszeit einzuloesen. Genauer gesagt, konzentriert sich der Autor auf Nord-und Mitteldalmatien, das heisst auf den 1922 geschaffenen Verwaltungsbezirk Split bzw. die 1929 geschaffene Kuestenbanschaft (Primorska Banovina), so dass Dubrovnik und seine Umgebung nur am Rande erwaehnt werden.
Jakir, der selbst Enkel eines dalmatinischen Landarbeiters ist, will anhand dieser so umschriebenen Region einen "Beitrag zur Erforschung der Gruende des Scheiterns der jugoslawischen Integration leisten" (S. 15). Denn die nach 1918 realisierte Form des integralen Jugoslawismus sollte die Hoffnungen der Bevoelkerung auf materielle Verbesserung schon nach wenigen Jahren enttaeuschen, dies sowohl auf Grund mangelnder Einsicht von zentralistischen Politikern in Belgrad in die Probleme einzelner Regionen als auch wegen der strukturellen Defizite im Agrarbereich, die in der Weltwirtschaftskrise gerade im dalmatinischen Hinterland zum Ausdruck kamen. Da Dalmatien im Koenigreich Jugoslawien das blieb, was es im Rahmen der oesterreichisch-ungarischen Monarchie gewesen war, naemlich ein peripherer Landesteil, sollte "es nicht zuletzt das Bewusstsein der eigenen Unterentwicklung" sein, "welches die nationale Emanzipation als Ueberwindungsstrategie (zuerst unter den Gebildeten) hervorbrachte" (S. 22). Und so kam es zu einer massenhaften Hinwendung zum kroatischen Nationalismus und zur immer massiver vertretenen Forderung nach "kroatischen Souveraentitaetsrechten," als deren Traeger sich die Kroatische Bauernpartei (HSS) herauskristallisierte, die es recht geschickt verstand, ihr nationales Programm den sozialen Forderungen der Bauern nach einer "gerechten Agrarreform" anzupassen und sich so als glaubwuerdige Alternative zu praesentieren. So ist festzuhalten, dass auch in Dalmatien gerade die Zwischenkriegszeit die entscheidende Phase der kroatischen Nationsbildung darstellte.
Um seine Thesen zu untermauern, stuetzt sich der Autor unter anderem auf Quellen aus dem Historischen Archiv in Split, sowie auf Zeitungsberichte und andere zeitgenoessische Publikationen. Dabei ist es ihm ein Anliegen, seine Thesen und Resultate mit den Erkenntnissen der historischen Nationalismusforschung und bereits existierenden sozialgeschichtlichen Untersuchungen ueber benachbarte suedosteuropaeische Regionen zu vergleichen.[1] Ausgehend vom Konstruktionscharakter moderner Nationen zeichnet Jakir vorerst den nationalen Differenzierungsprozess bei Kroaten und Serben bis zum Ende des Ersten Weltkriegs nach, wobei er sich hier vor allem auf die Habilitation von Guenther Schoedl stuetzen kann.[2] Er streicht hervor, dass die politsch-staatliche Aufteilung Kroatiens -Dalmatien gehoerte im Unterschied zu Kroatien-Slawonien zum oesterreichischen Reichsteil der Doppelmonarchie - und der Entwicklungsrueckstand Dalmatiens dazu fuehrten, dass es bis 1918 kaum eine Vernetzung der kroatischen Nationalbewegung gab.
Dessen ungeachtet wichen die urspruenglich dominierenden autonomistischen dalmatinischen Konzeptionen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer jugoslawistischen Ausrichtung, die zugleich auch die Rolle einer kroatischen Integrationsideologie wahrnahm. Jakir elaboriert folgerichtig die bereits damals vorhandene Mehrdeutigkeit des Begriffes Jugoslavenstvo bzw. Jugoslawismus, wobei dessen Bedeutung als Oppositionsstrategie des dalmatinischen Buergertums und als Etikett der radikalen Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg besonders hervorgehoben werden. Andererseits wird aber auch aufgezeigt, dass die Ideologie des Jugoslavenstvo bereits angesichts der von Italien nach Ende des Weltkriegs forcierten Adriafrage ihre ersten Spruenge erhielt, als das Vertrauen von dalmatinischen Politikern in die Belgrader Diplomaten erstmals erschuettert wurde, da diese angeblich nicht energisch genug gegen die italienische Militaerpraesenz auftraten.
Im Zentrum von Jakirs Untersuchung stehen jedoch die kulturellen und soziooekonomischen Existenzbedingungen, die er als Grundlagen nationaler Identitaet herausarbeitet, wobei er den soziooekonomischen letztlich groesseres Gewicht beimisst. Dies duerfte auch die Ursache sein, warum der Abschnitt ueber die konfessionellen Praegungen der Bevoelkerung (katholisch-kroatisch -serbisch-orthodox) einen leider nur auf wenige Seiten beschraenkten Exkurs darstellt (S. 107-119). Weit ausfuehrlicher geht Jakir auf die agrarische Lebenswelt ein: auf die Besitzverteilungen, auf das quasi-feudale Institut des Kolonat, das noch immer die (Pacht-) Verhaeltnisse zwischen urbanen Grundherren und Landarbeitern regelte, auf die sich ueber zwei Jahrzehnte hinziehende Agrarreform und auf die negativen Folgen der Wirtschaftskrise fuer die dalmatinischen Bauern und Landarbeiter (Verschuldung).
Bei der Diskussion der mangelnden Produktivitaet und der strukturellen Krise der dalmatinischen Landwirtschaft orientiert er sich an Holm Sundhaussen, der fuer Suedosteuropa allgemein eine "verpasste Agrarrevolution" konstatiert, die nicht allein auf Grund von Besitzzersplitterung und Ueberbevoelkerung entstanden sei, sondern vor allem wegen der mangels entsprechender Aufklaerung und Bildung ungebrochenen Praesenz vormoderner mentaler Einstellungen, die sich an familiaerer Subsidiaritaet und nicht an Marktprinzipien orientieren. [3] In diesen Erklaerungszusammenhang passt auch Jakirs Darstellung der Werbearbeit der HSS, die sich mit Alphabetisierungskursen und Genossenschaftsgruendungen im Laufe der Jahre eine breite Basis unter den katholischen Bauern Dalmatiens schuf. Allerdings geht der Autor kaum darauf ein, warum die Bauernpartei schon bei den Wahlen von 1923, also bevor sie diese Massnahmen grosso modo in die Wege leiten konnte, einen ueberwaeltigenden Sieg gegenueber den Vertretern eines integralen Jugoslavenstvo einfahren konnte. Der Autor schreibt selbst, dass es bis 1922 keine Parteigliederungen der Bauernpartei in Dalmatien gegeben habe (S. 404). Innerhalb weniger Jahre setzte diese Partei, die schon bei den Wahlen von 1920 in Kern-Kroatien an die Spitze der kroatischen Nationalbewegung gesetzt hatte, ihren Siegeszug in Dalmatien fort.
In einem weiteren Abschnitt schildert Jakir die urbane Lebenswelt und die ersten Industrialisierungsversuche in Dalmatien. Die angefuehrten Beispiele stammen meist aus Split, der neuen Hauptstadt der Region, nachdem die alte Hauptstadt Dalmatiens, Zadar, italienisch geworden war. Das dalmatinische Buergertum war urspruenglich der Traeger des jugoslawischen Einigungsgedankens in Dalmatien gewesen. Doch die Realitaet des neuen Staates sollte nach der laendlichen Bevoelkerung auch das Buergertum dazu bewegen, kroatisches Nationalbewusstsein einem jugoslawischen Einheitsdenken vorzuziehen und ins Lager der HSS zu schwenken. Dies geschah vor allem auf Grund der Enttaeuschung ueber die von Belgrad unerfuellten Versprechen hinsichtlich der Verkehrsanbindung des Hafens von Split mit dem Hinterland. Danach schildert der Autor die Auswirkungen der gescheiterten infrastrukturellen Massnahmen und der Weltwirtschaftskrise: sowohl im laendlichen als auch urbanen Bereich waren Armut, prekaere Arbeitsverhaeltnisse und eine verstaerkte Auswanderung nach Uebersee eine alltaegliche Erscheinung. In diesem Zusammenhang sind Jakirs Schilderungen ueber die Situation der Arbeiter in der Zementindustrie und die Anfaenge der kommunistischen Arbeiterbewegung von besonderem Wert, weil sie nach dem bis zum Ende des Sozialismus verklaerten Aktionen der KP erstmals eine nuechterne Einschaetzung ihrer tatsaechlichen Bedeutung im Dalmatien der Zwischenkriegszeit geben.
Der letzte Abschnitt des Buches widmet sich noch einmal ausfuehrlich dem Wandel vom integralen Jugoslavenstvo hin zur Durchsetzung eines kroatischen Nationalbewussseins in Dalmatien. Hervorzuheben ist vor allem die Darstellung von unitaristischen Organisationen, wie der Jadranska straza (Adriawacht) oder der in ihrem militanten Auftreten an die Faschisten erinnernde Orjuna (Organizacija jugoslavenskih nacionalista - Organisation jugoslawischer Nationalisten), die in den 1920er Jahren ihren organisatorischen Hoehepunkt hatten und sich regimetreu gaben. Demgegenueber wird die HSS als eine zwar urspruenglich dem kulturellen Panslawismus verhaftete Partei skizziert, in der aber zunehmend "ein eigentuemlicher, weil auf Gewaltfreiheit bestehender, Blut-und-Boden-Kult" propagiert wurde (S. 403). In ihrem sozialen Anspruch sind auf Modernisierung abzielende Aspekte - die bereits erwaehnten Anstrengungen zur Alphabetisierung und zur Gruendung von Genossenschaften - von romantischen Konzepten einer sozialen Harmonie ohne Klassengegensaetze im Rahmen einer dezentralisierten Bauernrepublik zu unterscheiden. Hier waere es interessant gewesen, nachzustossen und - soferne es die Quellenlage erlaubt - die Verquickung moderner und vormoderner Konzepte in der Hinwendung der laendlichen Bevoelkerung auszuloten.
Das abschliessende Kapitel ueber die Schaffung einer autonomen "Banschaft Kroatien" im Jahr 1939 zeigt, wie sehr das Modell eines unitaristischen Jugoslawismus bzw. einer moeglichen "jugoslawischen Nation" bereits in Verschuett geraten war und die Autonomie von vielen nur mehr als Vorstufe fuer die voellige Unabhaengigkeit Kroatiens gesehen wurde. Jakirs Urteil ueber das Jugoslavenstvo ist hart, und zugleich ueberzeugt es auf eine ernuechternde Weise. Leider hat sich der Autor in seinen Ausfuehrungen selten ueber die in der Zwischenkriegszeit von dalmatinischer Seite geaeusserten Vorwuerfe an die zentralistische Belgrader Politik erhoben. Dies hat wohl mit der regionalgeschichtlichen Fokussierung des Themas zu tun: Jedenfalls bleibt die Sicht der serbisch gepraegten Zentrale auf die Region Dalmatien weitgehend ausgespart.
Interessent waere es auch gewesen, zu erfahren, wie sich der doch bemerkenswerte Wandel der nicht bedeutungslosen Demokratischen Partei (bzw. Selbstaendigen Demokratischen Partei, wie sie sich spaeter nannte) von einem unverrueckbaren Fuersprecher des Integralismus zu einem foederalistischen Buendnispartner der Kroatischen Bauernpartei auf ihre Waehler ausgewirkt hat, die doch hauptsaechlich aus den Reihen der kroatischen und mithin auch der dalmatinischen Serben stammten. Inwieweit distanzierten sie sich von den Serben in Serbien bzw. welcher Natur war ihr Buendnis mit den Kroaten?
Schliesslich ist grundsaetzlich danach zu fragen, ob der Erfolg nationalistischer Konzepte derart eindeutig von soziooekonomischen Entwicklungen abgeleitet werden kann, wie dies der Autor suggeriert. Dass soziooekonomische Prozesse eine wesentliche Basis fuer den Erfolg derartiger Konzepte darstellen, steht ausser Frage. Darueber hinaus ist jedoch auch zu beruecksichtigen, dass nationalistische Konzepte erst dann erfolgreich sind, wenn sie auch plausibel sind: Vielleicht war das Konzept der katholischen Konfessions- und (auf Grund der ijekavischen Standardsprache) auch Sprachnation der Kroaten mit einem historisch abgeleiteten "nationalen Territorium" (dreieiniges Koenigreich Kroatien-Slawonien-Dalmatien) auf lange Sicht einfach plausibler als das behaebigere Konzept einer potentiellen suedslawischen Sprachnation, die sich noch nicht einmal auf eine einheitliche Standardsprache geeinigt hatte und darueber hinaus in drei Konfessionen gespalten war? Andererseits erkennt der Autor sehr wohl die Grenzen eines auf soziale und oekonomische Probleme abzielenden Nationalismus, wenn er hervorhebt, dass die massive Hinwendung zur kroatisch-nationalen Option nicht zugleich auch die Loesung der sozio-oekonomischen Probleme bedeutet hat: "Nachdem die Kroatische Bauernpartei nach dem sporazum von 1939 Gestaltungsmacht bekam, wurde in der Praxis deutlich, wieviel von der sozialen Programmatik der Partei nur romantische Rhetorik gewesen war und dass der Appell an das kroatische Nationalgefuehl allein keine Verbesserung der Lebensumstaende nach sich zog." (S. 452).
Angesichts der Fuelle an Fragestellungen, die Jakir anzieht und der durch zahlreiche Statistiken unterstuetzten Darstellungsweise des doch komplexen Themas, ist es aergerlich, wenn dem auf der formalen Seite ein oberflaechliches Lektorat und die laienhafte Wiedergabe von Karten zur Verwaltungseinteilung, die offensichtlich aus einem anderen Buch kopiert wurden, gegenueberstehen. Diese Kritik duerfte jedoch weniger dem Autor als dem Verlag anzulasten sein.
Diese Randbemerkungen tun jedoch dem reichhaltigen Inhalt der vorliegenden Monographie keinen Abbruch: Aleksandar Jakir hat Quellenmaterial und Literatur unterschiedlichster Provenienz verarbeitet und miteinander in Beziehung gesetzt, so dass mit seiner Dissertation tatsaechlich die erste deutschsprachige Monographie zur Geschichte Dalmatiens in der Zeit zwischen den Weltkriegen vorliegt. Und diese wird auf absehbare Zeit sicherlich das einzige diesbezuegliche, serioese Nachschlagewerk in deutscher Sprache darstellen.
Anmerkungen
[1]. Hervorzuheben ist hier vor allem folgendes Werk: Marie-Janine Calic, Sozialgeschichte Serbiens 1815-1941. Der aufhaltsame Fortschritt waehrend der Industrialisierung (Suedosteuropaeische Arbeiten 92, Muenchen: Oldenbourg, 1994).
[2]. Vgl. Guenther Schoedl, Kroatische Nationalpolitik und "Jugoslavenstvo". Studien zu nationaler Integration und regionaler Politik in Kroatien-Dalmatien am Beginn des 20. Jahrhunderts (Suedosteuropaeische Arbeiten 89, Muenchen: Oldenbourg, 1990).
[3]. Vgl. Holm Sundhaussen, "Die verpasste Agrarrevolution. Aspekte der Entwicklungsblockade in den Balkanlaendern vor 1945", in: Roland Schoenfeld (Hg.), Industrialisierung und gesellschaftlicher Wandel in Suedosteuropa (Suedosteuropa-Studien 42, Muenchen: Suedosteuropa-Gesellschaft, 1989), 45-60; dem ist ein Ansatz gegenueberzustellen, der die Ursachen fuer die Krise mit einer spezifischen, gleichberechtigten Form des Maennererbes, das mit der Modernsierung in die Krise geraet, verknuepft: Karl Kaser, Macht und Erbe. Maennerherrschaft, Besitz und Familie im oestlichen Europa (1500-1900) (Zur Kunde Suedosteuropas II/30, Wien - Koeln - Weimar: Boehlau, 2000) bes. 223-234. Eine Besprechung dieses Buchs auf HABSBURG erscheint in Kuerze.
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Citation:
Christian Promitzer. Review of Jakir, Aleksandar, Dalmatien zwischen den Weltkriegen. Agrarische und urbane Lebenswelt und das Scheitern der jugoslawischen Integration.
HABSBURG, H-Net Reviews.
November, 2000.
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