Istvan Dioszegi. Bismarck und Andrassy. Ungarn in der deutschen Machtpolitik in der 2. HÖ¤lfte des 19. Jahrhunderts. Budapest, Wien und MÖ¼nchen: Teleki Laszlo Stiftung, 1999. 512 S. DM 128/ATS 934 (gebunden), ISBN 978-3-7029-0447-0.
Reviewed by Guenther Kronenbitter (Universität Augsburg )
Published on HABSBURG (September, 2000)
Besondere Beziehungen? Ungarn und die deutsche Aussenpolitik in der Aera Bismarck-Andrassy
Besondere Beziehungen? Ungarn und die deutsche Aussenpolitik in der Aera Bismarck-Andrassy
Geschichte der internationalen Beziehungen, einst ein besonders intensiv bearbeitetes Feld der Historiographie, hatte vor allem im deutschen Sprachraum in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung innerhalb des Fachs verloren. Vermutlich nicht zuletzt dank der politischen Umwaelzungen zeigt sich aber seit einger Zeit wieder ein staerkeres Interesse fuer die Fragen der "Internationalen Geschichte".[1] Dabei tritt jetzt allerdings neben die klassische Diplomatiegeschichte eine ganze Reihe von methodischen Zugriffsmoeglichkeiten, beispielsweise ueber die Interdependenzen zwischen Innen- und Aussenpolitik oder die Untersuchung von Wahrnehmungsmustern und deren Eigendynamik in den internationalen Beziehungen. Istvan Dioszegi wendet sich in seinem juengsten Buch auch diesen Aspekten zu, wenn er der Rolle Ungarns in der deutschen Machtpolitik nachgeht. Wie der Obertitel "Bismarck und Andrassy" schon signalisiert, stehen fuer ihn dabei allerdings die beiden wichtigsten Aussenpolitiker Preussen-Deutschlands und (Oesterreich-)Ungarns im Mittelpunkt. Der Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes bzw. Reichskanzler Bismarck dominierte die preussisch-deutsche Aussenpolitik jahrzehntelang eindeutig, und Andrassy war als ungarischer Ministerpraesident und anschliessend als Aussenminister Oesterreich-Ungarns der wichtigste aussenpolitische Entscheidungstraeger Transleithaniens.
Aussenpolitik blieb in der Zeit Bismarcks und Andrassys noch in hohem Mass die Domaene einer sehr kleinen Elite, weshalb die Zuspitzung auf Intentionen und Handlungen einzelner, besonders profilierter und einflussreicher Persoenlichkeiten an der Spitze der diplomatischen Apparate ein bewaehrter Ansatz ist, der zudem einen gut erkennbaren Leitfaden fuer die Darstellung bietet. Die Wahl der Protagonisten bedeutet auch keinen Verzicht auf die Einbeziehung der Wechselwirkung zwischen internationalen Beziehungen und Innenpolitik, da beide die innenpolitische Situation bei ihrer Aussenpolitik stets mit im Blick hatten. "Bismarck und Andrassy" lassen sich nur fuer die Jahre 1867 bis 1879 in den Mittelpunkt einer Studie zur internationalen Politik stellen, fuer jene Zeit also, in der Andrassy als Ministerpraesident und Aussenminister eine zentrale Rolle spielen konnte. Das abschliessende Kapitel, den letzten Lebensjahren Andrassys und der letzten Dekade von Bismarcks Amtszeit als Reichskanzler gewidmet, ist eigentlich ein Epilog, der wohl dem Obertitel geschuldet ist.
Der Untertitel nennt "Ungarn in der deutschen Machtpolitik in der 2. Haelfte des 19. Jahrhunderts" als Gegenstand, was sich jedoch zeitlich als zu weit und inhaltlich als zu eng gefasst herausstellt. Die Wahrnehmung der Verhaeltnisse in Transleithanien und die Rolle Ungarns in der Politik Bismarcks zwischen Ausgleich und Zweibundvertrag werden, von der Berichterstattung der Gesandten in Wien und des Generalkonsuls in Pest sowie Bismarcks Stellungnahmen ausgehend, detailliert dargestellt. Das Interesse Bismarcks war dabei lange Zeit weitgehend darauf beschraenkt, das Habsburgerreich daran zu hindern, Allianzen mit Preussens bzw. Deutschlands Gegner zu schliessen. War also schon die Monarchie insgesamt fuer Bismarck "bloss ein Bauer im grossen internationalen Schachspiel" (131), so war Ungarn nur als Bremse jeder antipreussischen bzw. antideutschen Politik Wiens der Aufmerksamkeit wert. Die Sorge, eine erfolgreiche Revanche des Habsburgerreichs fuer Koeniggraetz koenne den Ausgleich in Frage stellen, schien die Gewaehr dafuer zu bieten, dass Ungarn die ihm zugedachte Rolle auch spielen wuerde.
Allerdings zeigte sich schon waehrend des Deutsch-Franzoesischen Krieges, dass Presse und Politiker Ungarns in allen internationalen Fragen vor allem von der tiefsitzenden Aversion gegen Russland bewegt wurden. Andrassy, 1871 zum Aussenminister berufen, war in dieser Hinsicht durchaus repraesentativ fuer die Stimmung in der politischen Elite Transleithaniens. Russland war denn auch im Bewusstsein Bismarcks wie Andrassys von entscheidender Bedeutung bei der Ausgestaltung des Verhaeltnisses zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn. Die Erinnerung an 1849 bot zwar eine spezifisch magyarische Motivation, um Russlands Macht zu fuerchten, aber spaetestens mit dem Scheitern der Regierung Hohenwart gab es auch in Cisleithanien genug innenpolitische Gruende, jeden Anflug von Panslawismus in der russischen Aussenpolitik mit Sorge zu betrachten. Andrassy steuerte einen russlandfeindlichen Kurs, forderte schon im Februar 1872 eine gezielte Vorbereitung auf den Krieg gegen das Zarenreich und betrieb in der Folge eine Politik, die darauf abzielte, Deutschland von Russland moeglichst zu trennen, waehrend Bismarck gerade eine Entfremdung vom Zarenreich vermeiden wollte.
Versuche des oesterreichisch-ungarischen Aussenministers, Grossbritannien fuer ein antirussisches Buendnis unter Einschluss Deutschlands zu gewinnen, fuehrten zu keinem Ergebnis. Bismarcks Bemuehungen, mit der Radowitz-Mission Anfang 1875 Russland auf Kosten der Habsburgermonarchie an Deutschland zu binden, schlugen fehl, und das Scheitern der Politik des Reichskanzlers in der Krieg-in-Sicht-Krise wenige Wochen spaeter fuehrte Bismarck die Gefahr der sicherheitspolitischen Isolation Deutschlands vor Augen. In der Orientkrise folgte einer Phase der Kooperation Oesterreich-Ungarns mit dem Zarenreich der Versuch Andrassys, Russlands machtpolitische Expansion auf dem Balkan im Gefolge des Sieges gegen das osmanische Heer durch ein Buendnis zu verhindern, in dem Grossbritannien eine Schluesselrolle zugedacht war. Zu einem Allianzkrieg gegen das Zarenreich kam es nicht, aber Bismarck scheiterte mit dem Versuch, den Dreikaiserbund zu retten. Der Berliner Kongress besiegelte die Entfremdung zwischen Russland und dem Deutschen Reich und bereitete so den Zweibund von 1879 vor, der Oesterreich-Ungarn den erwuenschten Schutz vor der russischen Uebermacht bot.
Allein die entscheidende Rolle, die Russland in den Beziehungen zwischen Deutschland und dem Habsburgerreich spielte, macht es unmoeglich, das Thema "Ungarn in der deutschen Machtpolitik" isoliert zu behandeln. Dioszegi bezieht denn auch wesentliche Problemlagen der internationalen Politik in Europa zwischen 1866/67 und 1879 in seine Darstellung mit ein. Der Deutsch-Franzoesische und der Russisch-Tuerkische Krieg werden beispielsweise so geschildert, dass der militaergeschichtliche Kontext der diplomatischen Aktivitaeten erkennbar wird. Die oesterreichische und die ungarische Innenpolitik werden in ihren Grundzuegen praesentiert, um den Zusammenhaengen zwischen inneren und aussenpolitischen Entwicklungen nachgehen zu koennen. Deutschland wird dagegen ab 1870/71 nur als Akteur in den zwischenstaatlichen Beziehungen beschrieben. Diese Asymmetrie entspricht, ganz im Sinn der im Untertitel des Buches genannten Fragestellung, dem Machtgefaelle zwischen Hohenzollern-und Habsburgerreich.
So beeindruckend das Panorama auch ist, das Dioszegi dem Leser darbietet, so verschwimmt doch stellenweise das Bild von der besonderen Bedeutung Ungarns fuer Bismarcks Politik. Andrassy steht derart im Brennpunkt, dass nicht ganz klar erkennbar ist, inwieweit spezifisch ungarische Anliegen oder Eigenheiten der politischen Kultur Transleithaniens die Aussenpolitik beeinflussten. Gerade fuer Leser, denen - so wie einst auch Bismarck - eine naehere Kenntnis der ungarische Verhaeltnisse fehlt, waere eine systematischere Darlegung dieser Aspekte des Themas hilfreich gewesen. Eine solche Aufarbeitung mag aus Platzgruenden unterblieben sein, denn der Stoff, den Dioszegi zu bewaeltigen hat, ist ohnehin schon ausgesprochen umfangreich.
Es zeigt sich an dieser Monographie erneut, dass die Darstellung der Diplomatiegeschichte sich nur schwer in kurze Texte pressen laesst, wenn die Argumentation nicht auf die Wiedergabe zeitgenoessischer Topoi - "vitale Interessen" beispielsweise - reduziert werden soll. Die Windungen auf dem Weg zum Zweibundvertrag machen erst deutlich, dass 1879 nicht einfach eine praestabilierte Harmonie zwischen Pest und Berlin in diplomatische Formen gebracht wurde. Genauere Angaben zu den Voraussetzungen fuer die Rolle, die Ungarn als Subjekt wie als Objekt der Machtpolitik spielen konnte, waeren dennoch nuetzlich, auch wenn Dioszegi schon in anderen Veroeffentlichungen dazu Stellung bezogen hat. Der Autor ist auch ausserhalb Ungarns als hervorragender Experte fuer die Aussenpolitik Oesterreich-Ungarns bekannt, der sich unter anderem mit der Haltung der Doppelmonarchie zum Deutsch-Franzoesischen Krieg 1870/71 und mit den Interdependenzen von ungarischer Innenpolitik und auswaertiger Politik des Habsburgerreichs bereits eingehend beschaeftigt hat.[2] Der vorliegende Band ist daher die Frucht einer langjaehrigen intensiven Publikations- und Forschungstaetigkeit.
Obwohl Dioszegi auf seinen frueheren Publikationen aufbauen kann, hat er zusaetzliches Archivmaterial ausgewertet, so etwa die Berichte des russischen Gesandten in Wien. Auch die neuere Forschungsliteratur zu den deutsch-(oesterreichisch-)ungarischen Beziehungen wird von Dioszegi beruecksichtigt. Insgesamt eher kritisch geht er dabei vor allem mit der Monographie von Rainer Schmidt um, der sich unlaengst eingehend mit der Buendnispolitik Andrassys auseinandergesetzt hat.[3] Die Unterschiede in der Beurteilung der Absichten der Akteure beziehen sich auf Einzelaspekte des Themas (S. 210, 236 f.), aber auch auf die Gesamteinschaetzung von Andrassys Russlandpolitik (289 f., 300 f., 330, 368). Waehrend Schmidt Andrassy ein laengerfristig beibehaltenes und gewagtes strategisches Kalkuel zutraut, ist Dioszegi hier wesentlich skeptischer. Geht Dioszegi auf die Literatur zu seinem engeren Themenbereich auch explizit ein, so trifft dies auf das weitere Umfeld nicht immer zu. Beispielsweise waeren fuer die Deutung der Meinungsverschiedenheiten zwischen der Armeefuehrung Oesterreich-Ungarns und Andrassy die neuen Studien ueber Erzherzog Albrecht beruecksichtigenswert.[4]
Bei einem so vielgestaltigen Thema und einem entsprechend facettenreichen Werk ist es allerdings immer billig und eigentlich nicht recht, Ergaenzungswuensche anzubringen. Letztlich ist es bewundernswert, wie Dioszegi die Stofffuelle gemeistert und dabei auch noch ein Buch geschrieben hat, das sich dem Leser auch ohne spezielle Vorkenntnisse der internationalen Politik in der Aera Bismarck/Andrassy erschliesst.
Anmerkungen
[1]. Zum Stand der Diskussion: Wilfried Loth und Juergen Osterhammel (Hg.), Internationale Geschichte. Themen-Ergebnisse-Aussichten (Studien zur internationalen Geschichte 10, Muenchen: Oldenbourg, 2000).
[2]. Wichtige Veroeffentlichungen von Istvan Dioszegi in deutscher und englischer Sprache sind u.a.: Oesterreich-Ungarn und der franzoesisch-preussische Krieg 1870-1871 (Budapest: Akademiai Kiado, 1974); Hungarians in the Ballhausplatz: Studies on the Austro-Hungarian Common Foreign Policy (Budapest: Corvina Kiado, 1983); Die Aussenpolitik der Oesterreichisch-Ungarischen Monarchie 1871-1877 (Wien et.al.: Boehlau, 1985). Ausserdem hat Istvan Dioszegi bearbeitet: Die Protokolle des gemeinsamen Ministerrates der oesterreichisch-ungarischen Monarchie. Bd. 4: 1883-1895 (Budapest: Akademiai Kiado, 1993).
[3]. Rainer F. Schmidt,Die gescheiterte Allianz. Oesterreich-Ungarn, England und das Deutsche Reich in der Aera Andrassy (1867-1878/79) (Europaeische Hochschulschriften, Reihe 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 517, Frankfurt am Main: Lang, 1992); vgl. auch: ders.,Graf Julius Andrassy. Vom Revolutionaer zum Aussenminister (Persoenlichkeit und Geschichte 148/149, Goettingen: Muster-Schmidt, 1995).
[4]. Johann Christoph Allmayer-Beck, Der stumme Reiter. Erzherzog Albrecht, der Feldherr "Gesamtoesterreichs" (Graz: Styria 1997); Mathias Stickler, Erzherzog Albrecht von Oesterreich. Selbstverstaendnis und Politik eines konservativen Habsburgers im Zeitalter Kaiser Franz Josephs (Historische Studien 450, Husum: Matthiesen, 1997).
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Citation:
Guenther Kronenbitter. Review of Dioszegi, Istvan, Bismarck und Andrassy. Ungarn in der deutschen Machtpolitik in der 2. HÖ¤lfte des 19. Jahrhunderts.
HABSBURG, H-Net Reviews.
September, 2000.
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