Joana Radzyner, Reinhard Engel. Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz. Die verdrÖ¤ngte Geschichte der Ö¶sterreichischen Industrie. Wien: Deuticke Verlag, 1999. 283 S. 285 ATS / 39 DM (gebunden), ISBN 978-3-216-30456-8.
Reviewed by Nicole Slupetzky (Kommission für Neuere Geschichte Österreichs)
Published on HABSBURG (September, 2000)
NS-Zwangsarbeit in Österreich
NS-Zwangsarbeit in Oesterreich
Jahrelang war der Bereich Zwangsarbeit unter dem Nationalsozialismus sowohl in der Wissenschaft, noch mehr aber in der Oeffentlichkeitsdebatte, nur selten ein Thema. Erst nachdem aus den USA massive Klagen drohten, wurde das heikle Thema zunaechst in Deutschland aufgegriffen und fuehrte zu einer Debatte ueber Entschaedigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter. Seit der Gruendung der oesterreichischen Historikerkommission vergeht auch in Oesterreich kaum ein Tag, an dem nicht ueber NS-Zwangsarbeit und ueber moegliche Entschaedigungen debattiert oder berichtet wird. Nicht nur der oesterreichische Staat, sondern auch viele namhafte oesterreichische Betriebe kommen nicht umhin, sich mit der eigenen -manchmal dunklen - Geschichte auseinanderzusetzen.
In dem Buch Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz - 1999 im Deuticke Verlag erschienen -wollen die beiden Autoren Joana Radzyner und Reinhard Engel diesen dunklen Kapiteln der NS-Vergangenheit auf den Grund gehen.
"Dieses Buch will einen Ueberblick ueber das System der Zwangsarbeit im Gebiete des heutigen Oesterreichs, der damaligen 'Ostmark', geben. Wie wurde aus einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit in wenigen Jahren ein Wirtschaftsraum, in dem wegen Kriegskonjunktur und Einberufung zum Militaerdienst zehntausende Stellen auf dem normalen Arbeitsmarkt nicht mehr zu besetzen waren?" so die Grundfrage in der Einleitung (S. II).
Das Buch ist in fuenf Hauptkapitel mit zahlreichen Unterkapiteln, die zumeist in keinem direkten Zusammenhang zu einander stehen, gegliedert. Dabei ziehen Radzyner und Engel fuer ihre Darstellungen nicht nur die Forschungsliteratur heran, sondern zeigen an zwoelf Beispielen Einzelschicksale verschiedener Zwangsarbeiter.
Im ersten Abschnitt wird versucht, der Entwicklung des Zwangsarbeitersystems auf den Grund zu gehen. Wie war es moeglich, Millionen von Arbeitern fuer das Dritte Reich zu gewinnen? Die beiden Autoren beschreiben kurz den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in den Anfaengen des Dritten Reiches, die Einfuehrung des Reichsarbeitsdienstes und der allgemeinen Wehrpflicht mit der damit verbundenen Militarisierung der Arbeit. In weiteren Unterkapiteln wird die Hierarchie der Zwangsarbeiter dargestellt und wie sich nach dem Scheitern der Blitzkriegstrategie gegen Russland die Wirtschaft und Ruestungsindustrie voellig neu organisieren musste, wobei sich die Situation - vor allem der russischen Arbeiter - verschlechterte. "Deutsche Facharbeiter gehoeren in die Ruestung; Schippen und Steineklopfen ist nicht ihre Aufgabe, dafuer ist der Russe da," so Goehrings Richtlinien von 1941 (S. 41). Im weiteren wird dargestellt, wie sich die Idee der Zwangsarbeit im deutschen Reich weiterentwickelt hat und diese zur Dauereinrichtung wurde.
Fuenf Polen und Polinnen beschreiben in diesem Zusammenhang, wie sie die Zeit der Zwangsarbeit erlebten. Einhellig berichten sie, dass sie von Nationalsozialisten in ihren Staedten regelrecht eingefangen und ins Deutsche Reich verschleppt wurden, wobei es keinen Unterschied machte, ob es sich dabei um ein junges Maedchen oder einen Mann im besten Alter handelte. Alle Zeitzeugen bringen zum Ausdruck, wie schlimm und demuetigend ihre Situation im Besonderen war, da sie "Polenschweine" (S. 63) waren und damit zur unteren Kategorie der Hierarchie gehoerten. Einhellig erzaehlen sie von den langen Arbeitszeiten und der schlechten Ernaehrung, die es ueberall gab.
Erst im zweiten grossen Kapitel gehen Radzyner und Engel auf den Sonderfall "Ostmark" ein. In zum Teil sehr kurzen Abschnitten schneiden sie zahlreiche Themen an, die fuer Oesterreich zwischen Anschluss und Zusammenbruch der NS-Herrschaft von Bedeutung waren. Den Anschluss bezeichnen die beiden Autoren als "oekonomisches Zwangsereignis" und begruenden dies damit, dass seit Hitlers Machtergreifung in Deutschland der Druck auf Oesterreich enorm anstieg und sich die wirtschaftliche Situation, bedingt durch innenpolitische Zerwuerfnisse und dem Buergerkrieg stetig verschlechterte. Als Oesterreich 1938 dem deutschen Reich angeschlossen wurde, musste es in ein bereits funktionierendes Wirtschaftssystem integriert werden. Um wirtschaftlich einigermassen mithalten zu koennen, war es zunaechst vorrangig notwendig, das Problem des Arbeitskraeftemangels zu loesen. Zudem wurden zahlreiche Grossprojekte in den Alpen geplant - Staudaemme, Kraftwerke, Ruestungswerke, Strassen, usw. womit die Abhaengigkeit von auslaendischen Zivilarbeitern noch wesentlich groesser als im Altreich selbst wurde, so Radzyner und Engel, weswegen in der Ostmark bald ein weitverzweigtes Netz an Konzentrationsnebenlagern bestand.
Im naechsten Abschnitt des Buches Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz werden einzelne Firmen aufgefuehrt, die waehrend des NS-Regimes auf Zwangsarbeiter zurueckgriffen, wie der Ruestungskonzern Steyr-Daimler Puch oder die Eisen- und Stahlerzeuger Reichswerke-Hermann-Goering (der Vorlauefer der VOEST), oder die Vorarlberger Textilindustrie, aber auch fuer Grossprojekte wie der Kapruner Kraftwerksbau in Salzburg oder bei den Vorarlberger Illwerken und den steirischen Ennskraftwerken kamen massiv Zwangsarbeiter zum Einsatz. Auch hier werden die historischen Darstellungen durch Aussagen von Zeitzeugen bzw. ehemaligen Zwangsarbeitern untermauert, wobei sie ihre zum Teil sehr schlimmen Erfahrungen einbringen. Jan Troncinski, ein polnischer Zwangsarbeiter, war zum Beispiel als 17-jaehriger nach Kaprun im Reichsgau Salzburg verschleppt worden. Taeglich musste zwoelf bis vierzehn Stunden bei rauen Bedingungen im Hochgebirge gearbeitet werden. Die Arbeiter bekamen fuer den ganzen Tag nur einen Drittel Brotlaib, Margarine und schwarzen Kaffee zum Fruehstueck und mittags und abends Suppe (S. 225-228).
Abschliessend stellten sich die Autoren die Frage, was von der Zwangsarbeit blieb und wer davon profitierte. Den wesentlichen Profit aus dem System der Zwangsarbeit machte der kriegfuehrende Staat. Ohne Zwangsarbeiter waere die Wirtschaft der Ostmark schon viel frueher zusammengebrochen, denn in der Ruestungsindustrie betrug der Auslaenderanteil ueber 50 Prozent: auch der Einsatz von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft darf nicht unterschaetzt werden. Engel und Radzyner kommen zu dem Schluss, dass alle, Staat, Firmen und die Landwirtschaft und auch die Nachkriegsgenerationen Nutzniesser des Zwangsarbeitersystems waren. Viele Projekte, die erst nach dem Krieg fertiggestellt wurden, fanden in der Kriegszeit ihren Ausgangspunkt, weshalb die Autoren nicht unbedingt von der Stunde null in der Wirtschaft von 1945 ausgehen. Dennoch wurde im "Nachkriegsbewusstsein die Anwesenheit von Hunderttausenden und Millionen von Zwangsarbeitern fast rueckstandslos aus der Erinnerung ausradiert" (S. 246).
Das vorliegende Buch liegt ganz im Trend der aktuellen Debatte ueber Entschaedigungen von Zwangsarbeitern. "Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz wird zu einem politischen Lesebuch, das auf eindringliche Weise ein finsteres Kapitel der oesterreichischen Geschichte erhellt," steht am Beginn zu lesen. Tatsaechlich handelt es sich um ein Lese- und nicht um ein Fachbuch. Es ist deutlich zu erkennen, dass die beiden Autoren, Joana Radzyner und Reinhard Engel, aus dem journalistischen Bereich kommen. Ein interessierter Leser, der mit der Materie bisher nicht viel zu tun gehabt hat, sollte sich mit dem Buch einen guten Ueberblick ueber das System der Zwangsarbeit machen koennen. Dabei helfen die zwoelf Zeitzeugenberichte ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, die zu unterschiedlichen Zeiten auf das Gebiet des heutigen Oesterreich verschleppt worden und in den verschiedensten Bereichen der NS-Wirtschaft zum Einsatz gekommen waren.
Ein finsteres Kapitel der oesterreichischen Geschichte wird durch dieses Buch jedoch nicht wirklich erhellt. In (fast zu) vielen Kapiteln - insgesamt fuenf grosse mit 31 Unterkapiteln - werden zwar zahlreiche Bereiche angeschnitten, allerdings wird sehr selten in die Tiefe gegangen.
Mit Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz wird der Eindruck erweckt, dass ein aktuelles Buch erschienen ist, das neue Forschungsergebnisse bringt. Bei naeherer Betrachtung des Anhangs ist jedoch zu erkennen, dass die Quellenlage ausschliesslich auf Sekundaerliteratur beruht (die ueberdies zum Teil schon ueberholt ist). Gerade in den letzten beiden Jahren sind zu diesem Thema -auch von der Historikerkommission - aktuelle Studien veroeffentlicht worden, die von den Autoren leider nicht genutzt wurden. Originaldokumente und -akten wurden ueberhaupt nicht herangezogen.
Einige Abschnitte - wie jener ueber das Kraftwerk Kaprun im Salzburger Oberpinzgau- sind nur aus wenigen Kapiteln eines einzigen Buches erarbeitet worden,[1] wobei zudem der Quellennachweis voellig vernachlaessigt worden ist. Leider ist dieses Kapitel ueber Kaprun keine Ausnahme, denn auch ueber das Zellwollwerk im oberoesterreichischen Lenzing oder Steyr-Daimler-Puch wird in grossem Umfang aus ein und demselben Buch bzw. Aufsatz zitiert.[2]
MitSklavenarbeit unterm Hakenkreuz ist nicht, wie man erwarten wuerde, ein aufschlussreiches, hochaktuelles Buch ueber das Thema Zwangsarbeit auf den Markt gebracht worden, sondern weitgehend eine Zusammenfassung bereits erschienener Buecher und Aufsaetze.
Anmerkungen
[1]. Clemens M. Hutter, Kaprun. Geschichte eines Erfolgs (Salzburg-Wien: Residenz-Verlag, 1994).
[2]. Severin Heinisch, "Die Zellwolle Lenzing AG im Dritten Reich. Ein Fallbeispiel nationalsozialistischer Wirtschaftspolitik," in: Anton Geyer und Guenter Getzinger (Hg.), Chemie und Gesellschaft. Ansaetze zu einer sozial- und umweltvertraeglichen Chemiepolitik (Technik- und Wissenschaftsforschung 18, Muenchen: Profil-Verlag, 1991) S. 73-102; Bertrand Perz, Projekt Quarz. Steyr-Daimler-Puch und das Konzentrationslager Melk (Industrie, Zwangsarbeit und Konzentrationslager in Oesterreich 3, Wien: Verlag fuer Gesellschaftskritik, 1991).
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Citation:
Nicole Slupetzky. Review of Radzyner, Joana; Engel, Reinhard, Sklavenarbeit unterm Hakenkreuz. Die verdrÖ¤ngte Geschichte der Ö¶sterreichischen Industrie.
HABSBURG, H-Net Reviews.
September, 2000.
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