Gertrud u.a. Ranner. ... und das Herz wird mir schwer dabei: Czernowitzer Juden erinnern sich. Potsdam: Deutsches Kulturforum östliches Europa, 2009. 226 pp. (paper), ISBN 978-3-936168-28-0.
Reviewed by Martin Moll (University of Graz)
Published on HABSBURG (October, 2010)
Commissioned by Jonathan Kwan
Erinnerungen an eine untergegangene Welt
Im Gefolge des Zusammenbruchs der kommunistischen Regime in Ost- und Ostmitteleuropa um 1990 hat Czernowitz, bis 1918 Hauptstadt des österreichisch-ungarischen Kronlandes Bukowina und heute in der südöstlichen Ukraine gelegen, eine geradezu frappierende Aufmerksamkeit in Publizistik und Wissenschaft auf sich gezogen. Dutzende Sammelbände und Monographien haben sich dem oft idyllisch verklärten Zusammenleben verschiedener Ethnien auf engsten Raum (Rumänen, Ukrainer, Juden, Deutsche, Polen und andere) gewidmet, die für das einst reiche Kulturleben dieser Provinzstadt typische Vielsprachigkeit beschrieben und, last but not least, das traurige Schicksal der ehemals großen jüdischen Gemeinde der Stadt beschrieben, die im Zweiten Weltkrieg Großteils vernichtet wurde. Dabei faszinierte die Betrachter nicht nur das teils friedliche, teils konflikthafte Zusammenleben so vieler Nationalitäten in einem überschaubaren Kleinraum, sondern das politische Schicksal einer Region, die von 1918 bis heute, in chronologischer Reihenfolge, zur Habsburgermonarchie, Rumänien, der UdSSR, erneut zu Rumänien, dann wieder zur UdSSR und seit den frühen 1990er Jahren zur selbstständigen Ukraine gehörte bzw. gehört hatte. Hinzu kam noch die mit Rumänien kollaborierende, aber mit Blick auf die Bukowinaer Juden durchaus einflussreiche deutsche Besatzungsmacht zwischen 1941 und 1944.
Trotz des für diese Literatur angeblich kennzeichnenden Fokus auf die Multi-Ethnizität der Bukowina und ihrer Hauptstadt fand die jüdische Bevölkerung mit Abstand die meiste Aufmerksamkeit. Auch in dem hier zu besprechenden Band mit Lebenserinnerungen von Czernowitzer Juden, der nach seinem ersten Erscheinen 1999 nunmehr bereits in dritter, im Titel veränderter Auflage vorliegt, geht es vor allem um jüdische Erinnerungen. Die übrigen in der Region maßgebenden Ethnien, insbesondere die Rumänen, Deutschen, Ukrainer bzw. Sowjets, treten daher eher peripher und nur insoweit in Erscheinung, als sie mit den Juden Berührungen hatten und mit diesen freundschaftlich verkehrten bzw. sie aggressiv bekämpften.
Der gegenüber den Erstauflagen kaum veränderte Hauptteil des Bandes präsentiert, wie auch schon in den beiden vorhergegangenen Auflagen, Interviews mit jüdischen Überlebenden, die nach wie vor in Czernowitz oder Umgebung wohnten und dort 1996 von einem deutschen Forscherteam kontaktiert wurden. Somit steht der Band in der Tradition der Oral History, deren inzwischen ausdifferenzierte Methodik er jedoch reichlich naiv anwendet; jedenfalls erfährt der Leser nichts über die praktizierten Interviewtechniken und theoretischen Zugänge. Obwohl die Einleitung von Interviews spricht, handelt es sich bei den hier abgedruckten Texten nicht um Interviews, sondern um durchgehende Schilderungen, die durch keine einzige Frage der angeblichen Interviewer unterbrochen bzw. strukturiert sind. Inwieweit der Erzählfluss der Zeitzeugen durch konkrete Fragen stimuliert und/oder angeleitet wurde, kann der Leser nur erahnen oder anhand der beigefügten Audio-CD mit einigen kurzen Interviewpassagen (insgesamt knapp 17 Minuten) rekonstruieren. Der Leser sollte sich also bewusst sein, dass es sich hier um die schriftlichen Fassungen ursprünglich mündlicher Erzählungen handelt, wobei die Eingriffe der Herausgeber nicht kenntlich gemacht wurden. Da die gedruckten Texte in einem fehlerfreien, stilistisch anspruchsvollen Deutsch verfasst sind, müssen diese Eingriffe erheblich gewesen sein, stellt man die Sprachkompetenz der hochbetagten Zeitzeugen in Rechnung. Vermutlich haben sich viele von ihnen weniger in der deutschen Hochsprache artikuliert sondern in jenem Jiddisch, das einzig beim Abdruck der Aussagen von Jakob Krejtschmann beibehalten wurde (S. 98-106). Dies wahrt zwar die Authentizität, doch ist dieser Text selbst für den Rezensenten, dessen Muttersprache Deutsch ist, nur mit größter Mühe verständlich. Leser des Bandes mit Deutsch als Fremdsprache werden hier vermutlich scheitern.
Im Unterschied zu den beiden Erstauflagen setzt der Band nach zwei Vorworten nunmehr mit einer profunden, rund zehnseitigen historischen Einleitung ein, welche die wechselvolle, für den außenstehenden Leser mitunter auch verwirrende politische Geschichte der Region im 20. Jahrhundert prägnant zusammenfasst. Dieses Kapitel bietet auf wenigen Seiten einen guten Überblick, der das Verständnis der nachfolgenden Erinnerungsberichte ebenso erleichtert wie das im Anhang abgedruckte Glossar. Dieses bietet, weitgehend korrekt und kurz gefasst, Erläuterungen zu Personen, topographischen Begriffen und Institutionen, die in den Lebensberichten zur Sprache kommen. An den entsprechenden Stellen findet sich jeweils ein Hinweis auf die relevanten Einträge im Glossar. Weniger glücklich scheint dem Rezensenten der Umstand, dass die Biographien der Zeitzeugen ebenfalls in den Anhang verlegt wurden. Dies bedeutet nämlich, dass man bei der Lektüre der Berichte das Geburtsdatum des Sprechenden erst aus dem Annex erschließen muss. Es wäre zweckmäßiger gewesen, diese Biographien jeweils an den Beginn der verschriftlichten Aussagen zu stellen, um diese Informationen dem Leser sofort griffbereit zu vermitteln.
Der Hauptteil des Bandes umfasst ca. 155 Seiten und druckt insgesamt 18 Lebensberichte im Umfang von circa jeweils 10 Seiten ab. Wie schon erwähnt, wurde für einen Text das originale Jiddisch beibehalten; der Rest wird in deutscher Hochsprache abgedruckt. 10 Zeitzeugen sind Männer, 7 Frauen, ein weiterer Beitrag stammt kollektiv von einem Ehepaar. Nur ein einziger Lebensbericht stammt von einem Nichtjuden, der sich selbst als Deutscher versteht, womit wohl eher ein Altösterreicher gemeint sein dürfte (Johann Schlamp, S. 152-161). Warum gerade Schlamps Reminiszenzen aufgenommen wurden, bleibt ungesagt. Man darf sich überhaupt die Frage stellen, ob nicht die Einordnung von Lebenserinnerungen anhand ethnischer Kategorien im 21. Jahrhundert einem überholten Konzept folgt. Damit wird nämlich die damalige Separierung von Menschen anhand ihrer angeblichen nationalen oder gar rassischen Zugehörigkeit fortgeschrieben und verfestigt, obwohl die meisten Berichte betonen, man habe sich zumindest bis 1940/41 als Bewohner der Bukowina, als homo bucoviniensis, gefühlt und eben nicht explizit als Jude, Deutscher, Rumäne usw.
Die Lebensberichte ähneln sich erstaunlicherweise sehr stark und können daher gerafft wiedergegebenen werden. Fast alle erwähnen eine glückliche Kindheit, sei es noch in der Habsburgermonarchie oder im Rumänien der Zwischenkriegszeit. Hervorgehoben werden dann unisono rumänische Schikanen während der 1930er Jahre und die Erfahrung der Ghettoisierung und Deportation ab 1941, welche den Tod zahlreicher Angehöriger und Freunde zur Folge hatten. Diese Schilderungen gleichen sich so weitgehend, dass zahlreiche Redundanzen entstehen und man sich mitunter fragt, ob nicht eine andere Auswahl der Interviewpassagen zielführender gewesen wäre. Einig sind sich die Zeitzeugen auch darin, dass die Befreiung von der rumänisch-faschistischen bzw. deutschen Herrschaft 1944 keineswegs das Ende aller Mühsal mit sich brachte. Etliche Berichte erwähnen die nahezu ungebrochen andauernden Schwierigkeiten mit den neuen sowjetischen Machthabern und den teils verwirklichten, teils bis heute im Raum schwebenden Wünschen, nach Israel oder Deutschland auszuwandern. Kaum einer der Befragten fühlte sich Mitte der 1990er Jahre, nach dem Ende der sowjetkommunistischen Herrschaft, in Czernowitz heimisch, fast alle beklagten Gefühle von Fremdheit in der eigenen Heimat, was sie damit begründeten, dass ihre einstigen Freunde und Bekannten entweder tot oder emigriert waren.
Leser mit einem knappen Zweitbudget können die am Ende des Bandes abgedruckte Zusammenfassung der Interviews zur Kenntnis nehmen, ohne Wesentliches zu versäumen, wenn sie das Buch nicht zur Gänze lesen. An dieser Stelle wird alles Relevante bilanziert und bündig auf den Punkt gebracht.
Zusammenfassend ist für diesen nun zum dritten Mal neu aufgelegten Band zu bilanzieren, dass er ebenso wie schon bei der Erstauflage in den 1990er Jahren wenig Neues bietet, sondern vielmehr Bekanntes mit einigen ergänzenden lebensgeschichtlichen Details vermittelt: Einige Rumänen, Ukrainer oder Deutsche halfen verfolgten Juden, andere verhielten sich feindselig oder lieferten diese gar den Verfolgern aus, um sich selbst zu bereichern. Das Überleben der Zeitzeugen hing allzu oft von Zufällen ab; fast alle differenzieren eine vergleichsweise Idylle vor den frühen 1930er Jahren gegenüber den nachfolgenden negativen Erlebnissen und für alle ist die verwirklichte oder angedachte Aufgabe der Heimat Czernowitz ein Thema, das sie bis an ihr Lebensende nicht loslässt.
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Citation:
Martin Moll. Review of Ranner, Gertrud u.a., ... und das Herz wird mir schwer dabei: Czernowitzer Juden erinnern sich.
HABSBURG, H-Net Reviews.
October, 2010.
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