Robert S. Wistrich. Laboratory for World Destruction: Germans and Jews in Central Europe. Studies in Antisemitism Series. Lincoln: University of Nebraska Press, 2007. 410 pp. $55.00 (cloth), ISBN 978-0-8032-1134-6.
Reviewed by Susanne Terwey (Independent Scholar, Berlin)
Published on H-German (March, 2010)
Commissioned by Benita Blessing
The Habsburg Empire: Multi-Ethnicity as the Hotbed of Nazi Antisemitism
Robert Wistrich ist ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des kontinental-europäischen Antisemitismus und Direktor des "Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism" der Hebräischen Universität Jerusalem. Mit der hier anzuzeigenden Publikation geht er der Frage nach dem Ursprung und damit einer Erklärbarkeit des Antisemitismus Hitlerscher Prägung nach. Unter Historikern ist schon lange bekannt, dass Adolf Hitler ausgesprochen eklektisch vorgegangen ist und sein 1924 in "Mein Kampf" dargelegtes antisemitisches Weltbild wenig Genuines aufwies.[1] Aber das ist auch nicht das Thema von Robert Wistrich. Er fragt vielmehr nach dem Ort der Prägung. In seiner Einleitung stellt Wistrich dann die These in den Mittelpunkt, die durch die folgende Darstellung untermauert werden soll, dass in dem Vielvölkerstaat der Habsburger Monarchie und vor allem in dem Schmelztiegel Wien das Fundament für Hitlers rassistischen Nationalismus gelegt wurde. Der näheren Betrachtung dieses Kontextes gilt die Studie; schließlich hatte Adolf Hitler selbst mehrfach im Rückblick die fünf Jahre seines Lebens, 1907 bis 1913, die er in Wien verbracht hatte, als prägend für seinen Antisemitismus bezeichnet.
Die Publikationsform, in der das geschieht, ist eine Sammlung von zum größten Teil bereits an anderen Orten veröffentlichten und unabhängig voneinander entstandenen, überarbeiteten kurzen Aufsätzen, die sich nahezu ausnahmslos mit Persönlichkeiten befassen, welche zum Fin-de-Siècle das kulturelle und politische Leben Mitteleuropas prägten und von ihm geprägt wurden: Von dem Liberalen Adolf Fischof und Rosa Luxemburg über den Zionisten Nathan Birnbaum zu Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud, Stefan Zweig und Karl Kraus. Beschlossen wird dieses regional-biographische Panorama mit Karl Lueger, dem ersten offen antisemitischen Politiker, der in Europa Bürgermeister einer Hauptstadt, nämlich von Wien von 1897 bis 1910, war, und schließlich Adolf Hitler.
Die letzten Jahrzehnte des 19. sowie die ersten des 20. Jahrhunderts finden sich in Mittelosteuropa eine hohe Präsenz und Sichtbarkeit jüdischer Intellektueller und Kulturschaffender; für deren Erfolg, die aus hoher Akkulturationsbereitschaft und einem unvergleichlichen Bildungsstreben geboren waren, gab es so keine Parallelen. Wistrich möchte wissen, ob ein Zusammenhang besteht, zwischen der Geschwindigkeit, mit der der Aufstieg im Zuge und in der Folge der Emanzipation der Juden von statten ging, und der folgenden Katastrophe. Wer mit der europäisch-jüdischen Geschichte des späten 19. Jahrhunderts vertraut ist, erfährt mit den Lebensbildern nicht viel neues; berichten sie doch von genau diesen Leistungen, der großen Bindung an die deutschsprechende Kultur, hoher sozialer Mobilität, wirtschaftlichem Erfolg und von dem zumeist vergeblichen Kampf um Integration im Sinne von uneingeschränkter Anerkennung der Zugehörigkeit zur jüdischen Minderheit ungeachtet. Luzide schildert Wistrich in zwei Kapiteln die Distanzierung durch politisch Aktive auf der Linken, Sozialdemokraten, Sozialisten und Marxisten, gegebenenfalls ungeachtet ihrer eigenen jüdischen Herkunft, von den Anliegen der jüdischen Minderheit. Es galt den Kampf für die Arbeiterschaft und deren Belange zu schlagen, und man wollte sich nicht als "Judenschutztruppe" gerieren. Das schien dem eigenen politischen Anliegen zuwider zu laufen.
In dem Stefan Zweig gewidmeten Abschnitt, unternimmt Wistrich mit seinem Leser eine Re-Lektüre von dessen posthum nach seinem freiwilligen Ausscheiden aus dem Leben veröffentlichten Roman "Die Welt von Gestern", den Zweig 1941 im Exil in New York und Brasilien geschrieben hatte.[2] Robert Wistrich zeigt auf, wie stark das hier gezeichnete Bild von Wien durchtränkt war von Nostalgie und Sehnsucht nach einer Welt, die es so nie gegeben hatte; denn nachweislich spielte Zweig die bestehenden Nationalitätenkonflikte in der Habsburger Monarchie ebenso runter, wie er den Antisemitismus gar nicht erwähnte. Gerade bei der hier vorgelegten Nahstudie fällt sehr die Ablehnung des Politischen und politischer Gesten ins Auge, und es stellt sich die Frage, ob diese Distanz zum politischen Diskurs nicht auch eine Erklärung für das Missverstehen vieler Juden von Hitlers Antisemitismus war. Dieser Eindruck wird bestärkt durch Karl Krauens Erstaunen über Hitlers Erfolge in Deutschland. Immerhin zählte Kraus zu den Autoren mit der spitzesten Feder, die sich scharf und unnachgiebig beispielsweise mit Missständen im neuen Journalismus auseinandersetzen, wo er Angriffe auf Juden nicht scheute, was ihm wiederum den Titel des jüdischen Selbsthasses eintrug.
Robert Wistrich hat als Titel für sein Buch eine Paraphrase eines Wortes von Karl Kraus gewählt, der einmal festhielt, das Österreich des Fin-de-Siècle sei ein Experimentierfeld für das Weltenende gewesen. Inwieweit Hitler selbst durch seine Wiener Erfahrungen, wo er vor allem extreme Abstiegsängste angesichts des durch ein hohes Tempo und von ethnischer Vielfalt geprägten Großstadtlebens durchlief, beeinflusst wurde, bleibt auch nach der Lektüre der Einzelstudien offen. Die von Wistrich eingangs aufgestellte These wird nicht durchgehend argumentativ untermauert. Hier liegt eine kleine Schwäche der Publikation, der eine Synopse in Form eines abschließenden Kapitel gut getan hätte. Da die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander verfasst wurden, gibt es immer wieder Redundanzen. Dieser Einschränkungen ungeachtet, wird Robert Wistrichs Arbeit vor allem von Studenten und deren Dozenten als sehr hilfreich aufgenommen werden, gerade weil damit an einer Stelle eine solche Vielzahl von biographisch und regional zusammenhängender Studien zusammengefasst wurde. Mit dem Blick auf Einzelbiographien und Lebenswerke wird noch einmal beleuchtet, dass Juden in Ostmitteleuropa mit wenigen regionalen Ausnahmen, Träger der deutschen Kultur waren. Nicht zuletzt bietet das erste Kapitel, in dem die Lage der jüdischen Minderheiten in den einzelnen Regionen des Habsburger Reiches sowie deren ethnische Komposition insgesamt dargelegt wird, eine gründliche Einführung in das Thema.
Notes
[1]. Wolfgang Benz, "Adolf Hitler," in Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, ed. Wolfgang Benz, vol. 2/1, Personen, A-K (Berlin: K.G. Sauer, 2009), 369-371.
[2]. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers (Berlin: Fischer, 2003).
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Citation:
Susanne Terwey. Review of Wistrich, Robert S., Laboratory for World Destruction: Germans and Jews in Central Europe.
H-German, H-Net Reviews.
March, 2010.
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