Charlotte Heymel. Touristen an der Front: Das Kriegserlebnis 1914-1918 als Reiseerfahrung in zeitgenössischen Reiseberichten. Münster: LIT Verlag, 2007. 416 pp. EUR 34.90 (paper), ISBN 978-3-8258-9973-8.
Reviewed by Rainer Pöppinghege (Universität Paderborn)
Published on H-German (December, 2009)
Commissioned by Susan R. Boettcher
Kriegstourismus
Der Erste Weltkrieg gehört zu den am besten erforschten Feldern einer modernen, kultur- und sozialgeschichtlich angelegten Militärgeschichte. Insbesondere die zeitgenössischen Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Propagandamittel und persönliche Schriftzeugnisse wie Tagebücher und Feldpostbriefe haben das Interesse vieler Historiker und Kulturwissenschaftler angezogen. Mit Charlotte Heymels Buch liegt nun eine Untersuchung vor, die sich an der Schnittstelle von Literaturwissenschaft und Sozialgeschichte bewegt. Die Verfasserin untersucht Reiseberichte von Zivilisten, die in unterschiedlicher Funktion an die Front kamen und hierüber literarisch Auskunft gaben. Sie reihen sich ein in eine Flut von persönlichen Zeugnissen, die noch während des Krieges publiziert wurden und den Daheimgebliebenen einen Einblick in die Verhältnisse an der Front bieten sollten. Daß dies gleichwohl nicht ohne weitere Intentionen betrieben wurde, versteht sich von selbst und bildet einen Kernpunkt der Arbeit.
Für die Untersuchung werden vorwiegend deutsche Reiseberichte aus den Jahren 1914 bis 1918 herangezogen, die noch dazu zum überwiegenden Teil die Westfront beschreiben. Dieser Selektivität ihrer Quellen ist sich die Verfasserin durchaus bewußt, wie sie überhaupt im Zuge ihrer gesamten Analyse einfühlsam und quellenkritisch mit dem vorliegenden Material umgeht. Einzig in den Passagen zur "militaristischen" Vorgeschichte des Wandervogels (S. 44)--die dem Rezensenten nicht plausibel erscheint--offenbart sie eine Überbewertung normativer Quellen, die wohl kaum dem Habitus der Jugendbewegten entsprachen. Sie stellt ihre Untersuchung in die Reihe von Analysen zum Schlachtfeld- und Gräbertourismus, die in jüngster Zeit geradezu einen kleinen Boom erlebt hat. Zudem verankert sie ihre Arbeit umsichtig im theoretischen Bezugsrahmen von Literaturwissenschaft und Kulturgeschichte, indem sie die Reiseberichte zu Kriegszeiten mit den "echten" Reiseberichten im Frieden vergleicht. Die Kriegsreiseberichte wiesen danach kein herausragendes literarisches Niveau auf (S. 321), sondern wollten über eine besonders dichte Atmosphäre ihren Authentizitätsanspruch untermauern.
Gleichwohl ist ihre Arbeit auch aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive äußerst ertragreich. In vielerlei Hinsicht bestätigen ihre Ergebnisse die Befunde vorangegangener Forschungen, wonach den bürgerlichen--und nicht immer professionellen--Schreibern an einer Art Selbstmobilisierung gelegen war. Wer als Zivilist an die Front kam, sah sich einem konkreten oder nur vermeintlichen Rechtfertigungsdruck ausgesetzt, sein Mitwirken am Krieg zu dokumentieren. Diese psychische Situation traf letztlich auf all jene zu, die nicht mit der Waffe in der Hand an der Front kämpften, also Zivilisten an der Heimatfront, Kriegsgefangene sowie eben jene zivilen Frontbesucher. All diese Gruppen machten sich das Funktionalisierungspotenzial publizistischer Medien zu Nutze, wobei die zivilen Frontreiseberichterstatter zudem noch eine Entdramatisierung des Krieges betrieben. Da sie sich in den verwendeten literarischen Mustern eng an zivile Reiseberichte anlehnten (S. 89), konnten sie tatsächlich eine idyllische Landschaft beschreiben, die nur in unmittelbarer Frontnähe vom Geschützdonner beeinträchtigt wurde. Wer an der Front war, hatte demnach bewußten Anteil an jenem weltgeschichtlichen Ereignis. Aus diesem Grund bemühten sich zahlreiche Verfasser darum, sich in die Frontkameradschaft einzugliedern, um auch ohne Uniform "dazu" zu gehören (S. 127, 165). Die Kriegsreiseberichte hatte damit eindeutig kompensatorischen Charakter (S. 160). Außerdem läßt ihre Analyse der Kriegsreiseberichte eine alte kommunikationsgeschichtliche These zumindest fragwürdig erscheinen: Die Rede ist vom vermeintlich erhöhten Informationsbedürfnis der lesenden Kriegsgesellschaft, das neben der Propagandafunktion üblicherweise für die Flut an Publikationen verantwortlich gemacht wird. Heymels Arbeit deutet jedoch darauf hin, daß es stattdessen ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis der Autoren war, das die Druckerpressen nie ruhen ließ (S. 192).
In einem weiteren Schritt widmet sie sich der propagandistischen Instrumentalisierung, welche über die individuelle Motivation der Autoren hinaus ging. In den Kriegsreiseberichten wurden stereotype Feindbilder konstruiert bzw. konkrete Erwartungshaltungen der Leserschaft bedient. Deutschland im Abwehrkampf gegen eine Welt von Feinden--dies war das übliche Argumentationsmuster, das nicht nur in dieser publizistischen Gattung anzutreffen ist. Im Einzelnen ging es demnach gegen unzivilisierte verlauste Russen, gegen effeminierte dekadente Franzosen sowie gegen materialistische Engländer, die Deutschland den "Platz an der Sonne" missgönnten. An dieser Stelle (S. 261) zeigt sich auch die einsetzende Totalisierung des Ersten Weltkriegs, die sich u.a. auf ideologisch aufgeladene Feindbildkonstruktionen stützte. Die Diskreditierung des Feindes als hinterlistig, unzivilisiert oder gar unmenschlich brachte sicherlich eine neue Qualität in die publizistisch geführte, letztlich aber mental sich niederschlagende Auseinandersetzung. Insofern bildete der Erste Weltkrieg eine Vorstufe für das, was von den Nationalsozialisten ideologisch umgesetzt wurde.
Das Besondere an der publizistischen Tätigkeit im Ersten Weltkrieg liegt letztlich auch in einer gewissen "Demokratisierung des Schreibens". Denn neben ungezählten professionellen Journalisten und Schriftstellern fühlte sich ein "Heer" von Dilettanten bemüßigt zum Stift zu greifen und die eigenen Kriegserfahrungen zu Papier zu bringen--und letztlich psychisch zu verarbeiten. Der große Wert dieser anregenden Arbeit liegt darin, daß sie die Frontreiseberichte und deren Analyse fundiert in dieses Spektrum einordnet für Akademiker, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts studieren.
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Citation:
Rainer Pöppinghege. Review of Heymel, Charlotte, Touristen an der Front: Das Kriegserlebnis 1914-1918 als Reiseerfahrung in zeitgenössischen Reiseberichten.
H-German, H-Net Reviews.
December, 2009.
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