Es gab, schrieb der Historiker Karl-Dietrich Erdmann, Zeiten
im Kalten Krieg, da wurde "die Geschichte mit solcher Erbitterung in den ideologischen Kampf hineingezogen, dass ein gemeinsamer Boden für wissenschaftliche Kooperation oder
gar Verständigung" nicht vorhanden war. Gleichwohl blieben
die Historiker hüben und drüben, selbst die gegenwartsnahen
Zeithistoriker und deren historiografische Arbeiten, stets
aufeinander bezogen – nicht zuletzt, weil sich die meisten von ihnen auf je eigene Weise der gemeinsamen Geschichte und
Nation verpflichtet fühlten. Was sie zudem einte – und dabei
ganz unfreiwillig miteinander verband – war die eigene Zeitgebundenheit, die geteilte Erfahrung im totalitären Zeitalter, dem Zeitalter der Weltkriege, der politischen Polarisierung, des Massenmordens und Massensterbens, der totalen Niederlage sowie schließlich der Spaltung Deutschlands in eine liberale Demokratie und eine erneute Diktatur.
Wie Zeithistoriker im geteilten Deutschland die deutsche
Geschichte seit dem Ersten Weltkrieg erforschten und damit
das deutsche 20. Jahrhundert insgesamt erzählten, ist das
Thema dieses Symposions. Dabei liegt der Fokus einerseits
auf den Resonanzen und Beziehungen innerhalb der gespaltenen
Ökumene. Dies schließt nicht nur die bisher wenig erforschten
ost-westdeutschen (Streit-)Gespräche und Werkrezeptionen,
sondern auch die oft monologartigen Abgrenzungsdiskurse,
das Marginalisieren, Beschweigen und Blockieren von Themen,
Werken und Debatten ein. Andererseits ergründen die Beiträge
zum Symposion, in welcher Weise die Beschäftigung mit
Geschichte, die oft direkt oder in ihren Auswirkungen miterlebt wurde, im Zeitalter des Kalten Krieges von teils verschiedenen, teils vergleichbaren biografischen, wissenschaftlichen, intellektuellen und politischen Kontexten geprägt war. Auf diese Weise wird die Geschichte der Zeitgeschichtsforschung jenseits des eingefahrenen und letztlich unbefriedigenden Bilanzierungsdiskurses der letzten zwei Jahrzehnte erstmals als ein Kapitel der integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte erzählt.
Programm:
Donnerstag, 17. Januar 2013
14.30–18.00 Uhr
Begrüßung
Norbert Frei (Jena)
Thematische Einführung
Franka Maubach (Jena), Christina Morina (Jena / Amsterdam)
Eröffnungsvortrag
Stefan Berger (Bochum) | Die Suche nach der Geschichte in
extremen Zeiten. Erfahrung und historische Deutung(en) im
geteilten Deutschland
I Der Historiker als Zeitzeuge,br>
Zum Zusammenhang von Zeiterfahrung und Zeiterforschung in der deutschen Geschichtsschreibung nach 1945
Moderation: Norbert Frei (Jena)
Matthew Stibbe (Sheffield) | The First World War as Realm of
Experience and Explanandum in the Historiographies of the two
Germanys after 1945
Franka Maubach (Jena) | "Wie es dazu kommen konnte...".
Fragen nach dem deutschen Irr- und Sonderweg in Ost und West
Freitag, 18. Januar 2013
9.30–22.00 Uhr
II Unvollendete Revolution, ungewollte Demokratie? Deutsch-deutsche Lehren aus der Novemberrevolution und der Weimarer Republik
Moderation: Jan Eckel (Freiburg)
Klaus Latzel (Braunschweig) | Die Revolution von 1918/19
Monika Gibas (Magdeburg) | Die Weimarer Republik
III Von Opfern und Tätern, Siegern und Besiegten
Vernichtungskrieg und Holocaust in der Geschichtsschreibung
nach 1945
Moderation: Jörg Ganzenmüller (Jena)
Christina Morina (Jena / Amsterdam) | Agitatio vs. Contemplatio? Der Weltkrieg in der deutsch-deutschen Historikerkonkurrenz
Nicolas Berg (Leipzig) | Erfahrung – Zeugnis – Wissenschaft:
Holocaustdeutung in der Wissenschaft von DDR und Bundesrepublik
IV Auf den Schlachtfeldern des Kalten Krieges. Die Teilung begründen, das Ende erklären
Moderation: Silke Satjukow (Magdeburg)
Christoph Kleßmann (Potsdam) | Über die Teilung der Nation
und die (Un-)Möglichkeiten deutsch-deutscher Zeithistorikergespräche zwischen 1949 und 1989
Marion Detjen (Berlin) | Der Mauerbau und die ost- und westdeutsche DDR-Erforschung
Krijn Thijs (Amsterdam) | Revolution und Neubegegnung.
Deutsche Historiker in den Jahren 1989 und 1990
Gesprächsabend: Über Ende und Anfang. Narrative und Deutungen nach 1989/90
Krijn Thijs (Amsterdam) im Gespräch mit Ilko-Sascha
Kowalczuk (Berlin) und Andreas Rödder (Mainz / London)
Samstag, 19. Januar 2013
9.30–14.00 Uhr
Zeitgeschichte als deutsch-deutsche Streitgeschichte
I: Faschismus und Nationalsozialismus
Franka Maubach im Gespräch mit Manfred Weißbecker (Jena)
und Wolfgang Schieder (Göttingen)
II: Marxismus als historische Methode
Christina Morina im Gespräch mit Helga Grebing (Berlin) und
Wolfgang Küttler (Berlin)
Abschlussdiskussion
Martin Sabrow (Berlin), Matthias Middell (Leipzig),
Georg G. Iggers (Buffalo), Lutz Niethammer (Jena)
Gesprächsleitung: Klaus Latzel (Braunschweig)
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Teilnahme nur nach bestätigter Anmeldung per E-Mail an Historiographiegeschichte@gmx.de
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