Das Prinzip Aufklärung fußt auf dem Postulat einer einheitlichen, universalen Vernunft. Historische Versuche seiner Umsetzung machen jedoch sichtbar, dass die dem Postulat entspringenden, von Individuen oder Gruppen erhobenen Ansprüche immer wieder verletzt werden: Gesellschaftliche Exklusionsmechanismen entlang der Kategorien Religion, Gender, Rasse, Ethnie und Klasse scheinen die Korrelate der aufklärerischen Praxis zu sein. Ziel des Kolloquiums ist es, das Verhältnis von Majorität und Minoritäten (bzw. minorisierten Gruppen) im gesellschaftlichen Spannungsfeld zu untersuchen und zu prüfen, ob und wie sich kollektive Akteure der Rhetorik, Programmatik und Praxis der Aufklärung bedienen, um bestehende Macht- und Ordnungsgefüge zu legitimieren oder neu zu definieren. Ein Paradebeispiel einer solchen Revision stellt die jüdische Aufklärung dar. Als Minoritätsaufklärung war sie nicht nur nach innen gerichtet, sondern stellte neben dem eigenen auch den gesamtgesellschaftlichen Status Quo in Frage. Im Kontext der genannten Problematik bietet das interdisziplinäre Kolloquium Raum und Zeit für die Diskussion folgender und sich anschließender Fragen: Welche Eigenschaften lassen sich für die jüdische Aufklärung und andere Minoritäten-Bewegungen - ausgehend vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart - feststellen? Welche gesellschaftlichen Inklusions- und Exklusionsmechanismen sind im Zeichen der Aufklärung zu beobachten? Und wie werden Identitäten dabei verhandelt?
PROGRAMM
Eröffnungsvorträge am Sonntag, 6. Mai, ab 13:30 Uhr
Gudrun Hentges (Fulda), Die Schattenseiten der Aufklärung
Christoph Schulte (Potsdam), Integration durch Haskala – ein Paradigma für Minoritäten-Integration heute?
Volker Depkat (Regensburg), The Double Dialectic oft he American Enlightenment
Vorträge am Sonntag, 6. Mai, ab 16:15 Uhr
Borislava Marinova (Regensburg), Dialectic of Enlightenment in America, 1865–1919
Alexandre Netchaev (Berlin), The Working-Class Attempt to Be Included in British Politics in the 1790s
Jasper Trautsch (Berlin), Aufklärung als Selbstbeschreibungskategorie Amerikas
Vorträge am Montag, 7. Mai, ab 09:00 Uhr
Marie-Luisa Frick (Innsbruck), Tendenzen der Inklusion und Exklusion im Menschenrechtsdiskurs der Aufklärung
Grażyna Jurewicz (Frankfurt a.M.), Das Partikulare denken: Mendelssohn und Kant im Widerstreit der Aufklärungen
Joseph Gaigl (Jena), Salomon Maimons Lebensgeschichte – eine Quelle der Kantischen Religionsschrift?
Juliane Irma Mihan (Jena), Die christlich-jüdische Simultanschule in Lengsfeld/Thüringen
Patrick Koch (Leipzig), Universalist Particularism – The Formation of a Jewish Ethics and its Impacts on the Reformulation of Judaism during the Haskalah
Yonatan Brafman (New York), Universal and Particular Claims in Contemporary Philosophy of Halakha: The Thought of Soloveitchik and Novak in the Context of Habermas’s Theory of Communicative Action
Mihail Evans (Brüssel), Reasons and Enlightenments: Of Derrida and Habermas
Adrian Klein (Halle), Emanzipation im Spannungsverhältnis zwischen Partikularismus und Universalismus
Vorträge am Dienstag, 8. Mai, ab 09:00 Uhr
Tatiana Artemyeva (Helsinki/St. Petersburg), Intellectual Networks of the Enlightenment in Comparative Perspectives
Friedrich Pollack (Bautzen), Die Geburt einer Minderheit – Diskurse um Identität und Alterität in der frühmodernen Sorabistik
Joachim Krauss (Berlin), Ideen zur „bürgerlichen Verbesserung der Zigeuner“
Roman Halfmann (Peking), Aufklärung zwischen Deutschland und China
Aleksandra Ambrozy (Halle), Autonomie zwischen Freiheit von Tradition und Freiheit zur Tradition – ‚Aufklärung‘ als gemeinsames Drittes in der gegenwärtigen französischen Debatte um muslimische Anerkennungsforderungen
Diana Karadzhova-Beyer (Jena), Aufklärung und Islam als Strategie im Spannungsfeld von Geschichte und Individuum
|