Neues Text- und Forschungsportal zum Dreißigjährigen Krieg
„Mitteldeutsche Selbstzeugnisse der Zeit des Dreißigjährigen Krieges“ (MDSZ)
Anzukündigen ist ein neues Forschungsportal für Frühneuzeithistorikerinnen und-historiker:
www.mdsz.thulb.uni-jena.de
Dieses Portal stellt vier bisher unpublizierte Selbstzeugnisse aus Mitteldeutschland mit mehreren tausend Seiten vor. Alle Texte sind in digitaler Form abrufbar. Die Originaldokumente wurden in sprachlich leicht modernisierter Form transkribiert und mit einer ausführlichen Sach-, Personen- und Ortskommentierung versehen. Daneben finden sich die Faksimiles aller Originalquellen.
Die Kommentierung erfolgt nicht mehr über ein konventionelles Fußnotensystem, sondern in Form von Hyperlinks über ein neuartiges elektronisches Verweissystem. Per Mausklick lassen sich auf den insgesamt 2.636 Textseiten die Erläuterungen zu 1.982 zeitgenössischen Sachbegriffen, 2.603 Personen und 985 Ortsnennungen erreichen. Zudem werden 2.276 Übersetzungen lateinischer Textabschnitte und 993 Einzelerläuterungen als Fußnoten geboten.
Initiiert und durchgeführt hat das Projekt der Göttinger Historiker Hans Medick gemeinsam mit dem Fachinformatiker Norbert Winnige. Mitarbeiter waren Andreas Bähr (Berlin), Thomas Rokahr (Göttingen) und Bernd Warlich (Volkach).
Angesichts der zur Verfügung gestellten großen Informationsmengen wäre ein solches Text-Werk als konventionelle Edition im Buchdruck außerordentlich schwer benutz- und erschließbar, und schon allein aus Kostengründen kaum möglich gewesen. Die im Online-Portal elektronisch veröffentlichten Texte und Hypertexte enthalten hingegen zahlreiche Recherchetools, Suchprogramme und kartographische Darstellungen, welche die Benutzung erleichtern. Das Portal versteht sich somit als ein benutzerfreundliches elektronisches Laboratorium zur Geschichte des Dreißigjährigen Krieges.
Doch Reise per Mausklick durch den dreißigjährigen Krieg, die diese besondere Art der Dokumentation mit ihrer reichen Such- und Recherche-Umgebung möglich macht, ist keineswegs eine bloße technologische Spielerei. Allein schon angesichts der gewaltträchtigen Inhalte entsteht ein deutliches Spannungsverhältnis zur Leichtigkeit des Mausklicks. Gerade indem diese Inhalte aus der Perspektive persönlichen Erlebens präsentiert werden, wird die Ebene der großen Geschichtsereignisse, wie etwa der Schlacht von Lützen 1632 oder der Ermordnung Wallensteins 1634 zwar angesprochen, aber zugleich auch überschritten. In den Blick kommt vielmehr der Alltag des Krieges in seinen vielen tausend kleinen Ereignissen alltäglicher Gewalt, von Plünderung, Flucht, Vergewaltigung, Tötung und finanzieller Auspressung.
Alle im Portal erstmals editierten und veröffentlichten Texte wurden in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) oder unmittelbar danach verfasst. Sie stammen aus derselben Region: den Thüringischen Gebieten Mitteldeutschlands mit ihrem Hauptort Erfurt. Diese Gebiete standen lange im Zentrum der Gewalthandlungen des Dreißigjährigen Krieges. Erstmals werden hier publiziert: 1) das äußerst umfangreiche und detaillierte „Chronicon Thuringiae“ des Volkmar Happe, ein akribisch geführtes Tagebuch und Register selbst erlebter oder zumindest wahrgenommener Gewalthandlungen eines Verwaltungsbeamten und Hofrats, 2) die Chronik des Erfurter Blaufärbermeisters Hans Krafft, 3) das „Diarium Actorum“ des katholischen Erfurter Domherrn und Professors der Theologie, Caspar Heinrich Marx – eine Art autobiographisches Archiv erfahrener Gewalt überwiegend von seiten der Protestanten, 4) die „Anmerkungen…einiger von 1620 an sich ereigneter Begebenheiten“ des Rudolstädter Kriegskommissars und Landrichters Michael Heubel, der sich als Vermittler zwischen den Fronten des Krieges hervortat.
Die Erarbeitung dieses Online-Portals trägt der steigenden Bedeutung elektronischer Medien auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung Rechnung. In der Diskussion über die digitale Repräsentation von Quellenmaterial wird allerdings zu häufig übersehen, dass es dabei nicht nur um Fragen der technischen Erleichterung des Informationszugriffs geht. Entscheidend und weiterführend sind vielmehr die neuen Formen der Forschung, der wissenschaftlichen Arbeit und der Erkenntnisgewinnung. Historische Quellen werden als digitale Faksimiles jederzeit einseh- und verfügbar. Auf diese Weise wird es möglich, die editorischen Erschließungs- und inhaltlichen Interpretationsvorschläge immer wieder an der Reproduktion des Originals zu überprüfen. Dies bedeutet jedoch keineswegs eine Relativierung des wissenschaftlichen Wahrheitsanspruchs historischer Erkenntnis. Vielmehr bietet es neue, überprüfbarere wissenschaftliche Erkenntnischancen.
Goettingen, 25.11.2008 Hans Medick
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