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Veranstalter: Institut für Geschichte der Medizin, Berlin (Volker Hess/Anja Laukötter) und IRIST - Institut de Recherche Interdisciplinaire sur les Sciences et la Technologie, Universität Strasbourg (Christian Bonah)
Zeit: 22. Mai bis 24. Mai 2008
Deadline: 30. September 2007
Der „Menschenversuch“ wird oft mit massiven Grenzverletzungen assoziiert und dient als Paradebeispiel einer inhumanen Medizin. Er wird gerne als allgemeiner Ort der Kritik an der westlichen Medizin mobilisiert oder gar instrumentalisiert. So wird die Geschichte des „Menschenversuchs“ in der Regel als Abfolge ethischer Überschreitungen entwickelt, die in der Genealogie von Syphilis-Impfversuchen über die Tuberkulose-Experimente und den KZ-Versuchen in Dachau und Auschwitz bis hin zu den Arzneimittelversuchen in der Dritten Welt exemplifiziert wird. Diese Fokussierung auf die Meilensteine einer abschreckenden Medizin blendet jedoch aus, dass der Mensch in sehr grundsätzlicher Weise ein epistemologisches „Objekt“ der Lebenswissenschaften darstellt – und nicht selten gar die Betroffenen, Patientinnen und Angehörige, zu den Befürwortern und Unterstützern solcher Experimente zählen.
Es lässt sich folglich feststellen, dass der Mensch im Zuge der laboratory revolution konsequenterweise „Gegenstand“ experimenteller Praktiken und wissenschaftlicher Versuchsmethoden wurde. Die gegenwärtige Debatte trägt dem jedoch selten Rechnung. Stattdessen wird – insbesondere aus ethischer Perspektive - eine Differenzierung des Versuchs am Menschen vorgenommen, die zwischen einem „ethisch verwerflichen“ und „moralisch akzeptablen“ Menschenversuch normativ zu unterscheiden versucht – eine Differenzierung, die die Wurzeln der eigenen Herkunft unbeachtet lässt und in der Praxis ihre Herausforderung sucht.
Es ist nicht Ziel der Tagung, diese in Codizes und Berufsordnungen verankerte Unterscheidung aufzulösen. Ungeachtet deren pragmatischer Bedeutung scheint es uns aber notwendig, das Experimentieren am Menschen in seiner für die modernen Lebenswissenschaften konstitutiven Figuration einer historischen und epistemologischen Reflektion zu unterziehen. Um die feste Ordnung zwischen „Humanexperiment“ einerseits und „Heilversuch“ andererseits aufzubrechen, möchten wir anhand von Fallbeispielen die verschiedenen Formen eines Experimentierens am Menschen (und seiner Verarbeitungs- und Repräsentationstechniken in Form von Text, Statistik, Bild, Film etc.) analysieren, die - bis heute – ein selbstverständliches, aber oft verschwiegenes bzw. in seiner epistemologischen Funktion übersehenes Element des wissenschaftlichen Methodenrepertoires sind.
Ein prominentes Beispiel sind seit jeher Arzneimittelversuche. Jede Entwicklung eines neuen Medikamentes kann auf jenen entscheidenden Moment, an dem die Verabreichung eines Wirkstoffs an Menschen erstmals erfolgt, nicht verzichten – obwohl es sich hierbei um ein klassisches Experiment handelt, dessen Ausgang letztlich immer offen ist. Seine Einbettung in die Zulassungsvorschriften als sogenannte Phase 1-Versuche macht den inneren und notwendigen Zusammenhang zum „Heilversuch“ in Phase 2 und 3 mehr als deutlich. Die neueren Entwicklungen der Arzneimittelregulation – insbesondere die fast track-Verfahren – verweisen schließlich sogar auf den experimentellen Status einer postmarket evaluation, die gewissermaßen als klinischer Versuch im demographischem Maßstab zur Phase 4 einer experimentellen Evidenzstrategie avanciert.
Ein weiteres Beispiel sind Impfversuche. Sie gleichen nur scheinbar Arzneimittelversuchen. Das gilt insbesondere für Schutzimpfungen, die keinen „Heilversuch“ kennen, da sie lediglich die Möglichkeit einer Erkrankung vorwegnehmen, von der der Einzelne nur selten profitiert. Stattdessen stellen Schutzimpfungen ein Großexperiment an Gesunden dar, das sich weniger am Wohl des Einzelnen, sondern an epidemiologischen Risiken für die Bevölkerung orientieren.
Ein drittes und und zugleich besonderes Beispiel mit historischer Tradition ist das Selbstexperiment. Es stellt per se die epistemische Grundfigur des Menschenexperiments dar, in dem das erkennende Subjekt zugleich sein eigenes wissenschaftliches Objekt ist. Nicht die heroische Überhöhung des Selbstexperiments, sondern seine methodologische Herausforderung steht für uns im Mittelpunkt des Interesses.
Die zeitliche Ausrichtung der Tagung auf die Zeitspanne von 1850 bis 1980 hat zum Ziel, die historischen Dimensionen des Humanexperiments in seinen Kontinuitäten und Wandlungsprozessen sowie in seiner jeweiligen gesellschaftlichen Bedingtheit auszuloten. Die Themenvorschläge sollen sich daher in Form von case studies mit einzelnen Formen der Menschenexperimente beschäftigen. Darüber hinaus sind Beiträge erwünscht, die sich mit einzelnen Aspekten des setting Menschenexperiment beschäftigen und u.a. folgende Fragen in den Blick nehmen:
Wie und wer vollzieht die Grenze zwischen Experiment und Heilversuch?,
Welche Stellung nimmt der „informed consent“ im Rahmen des Experiments ein?
Welche Geschichte der Akzeptanz des Menschenversuchs lässt sich schreiben?
Wie verhalten sich Diskurs und Praxis in Bezug auf das Menschenexperiment?
Eine internationale Ausrichtung der Vorträge ist erwünscht (Konferenzsprache ist deutsch und englisch).
Themenvorschläge und mit einem Umfang von einer Seite (max. 400 Wörter) sind bis zum 30. September 2007 zu richten an: anja.laukoetter@charite.de
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