Die diesjährige Tagung des AKGG-FNZ steht unter dem Oberthema Gefühle - Emotionalität - Geschlecht
Gefühle und Emotionen haben derzeit in den Kulturwissenschaften Konjunktur. In Diskussion geraten ist zum einen das im Anschluß an Norbert Elias entwickelte Meisternarrativ, wonach die westliche Geschichte sich durch eine zunehmende Affektkontrolle auszeichnet („Zivilisation“). Auf dem kulturwissenschaftlichen Prüfstand stehen zum anderen universalistische Theorien der Psychoanalyse und der Psychologie, wo „innere“ Zwänge und Triebe als eine Art anthropologische Konstante menschlichen Verhaltens verstanden und behandelt werden. Für das sich neu artikulierende Interesse der Kulturwissenschaften – und nicht zuletzt der Geschichtswissenschaft – stellt sich ganz dringlich die Frage, ob und wie Gefühle und Emotionen historisiert und so für die Analyse vergangener Gesellschaften und fremder Kulturen genutzt werden können. Darüber hinaus muss sich eine kulturhistorische Beschäftigung mit Gefühlen und Emotionen der Tatsache stellen, dass sie es immer mit Repräsentationen zu tun hat. Der nachweisliche Zusammenhang zwischen der jeweiligen Gefühlsrepräsentation und dem spezifischen Darstellungsmedium – von der theatralischen oder bildnerischen Darstellung bis hin zu Tagebuchaufzeichnungen oder Gerichtsakten – lässt alle bisher getroffenen Aussagen über eine mehr oder weniger lineare Geschichte der Gefühle (bzw. der Gefühlskontrolle) problematisch erscheinen und verlangt nach weiterer differenzierter Erhellung der diversen „Kulturen der Gefühle“ und ihrer jeweiligen Geschichte.
Hier kommt der Frühen Neuzeit eine zentrale Rolle zu, situieren doch die meisten der kulturwissenschaftlichen „Meisterdenker“ den Umbruch von vormodernen zu modernen Gefühlskulturen bzw. Affekthaushalten und Beziehungssystemen (Foucault, Elias, Luhmann, Febvre, Ariès u.a.m.) im Zeitraum zwischen der Renaissance bzw. Reformation und der Aufklärung. Und insbesondere bleibt die Frage nach der geschlechtlichen Codierung einzelner Affekte – wie auch bestimmter Gefühlszustände, ja, der Affektivität ganz allgemein – zu untersuchen. Neben Menschen "niederer Stände" galten Frauen allgemein als unkontrollierter und „emotionaler“, Männer dagegen als „rationaler“ und damit auch weniger abhängig von ihren Gefühlen. Insbesondere negativ konnotierte Gefühle wie Angst, Trauer, Schmerz, aber auch Geilheit oder Scham wurden bevorzugt dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben. Doch erweisen sich solche Zuschreibungen als bisweilen höchst widersprüchlich – so etwa, wenn eine „echte Hexe“ daran erkennbar sein sollte, dass ihr die „Gabe der Tränen“ fehlte, oder auch, wenn die Gottesmutter bevorzugt als trauernde „Mater dolorosa“ abgebildet und verehrt wurde.
Auch hat die Emotionen-Forschung in den letzten Jahren sehr deutlich herausgearbeitet, wie sehr Gefühle „epochenspezifisch“ zu verstehen sind; dies gilt etwa für die „Melancholie“, die heute gegenüber der Depression als vergleichsweise harmloser „Weltschmerz“ erscheint, in älteren Epochen aber als schweres, ja geradezu teuflisches „seelisches Leiden“ nicht zuletzt auch mit religiösen Mitteln (Fasten, Beten, Beichte etc.) zu behandeln gesucht wurde. Des weiteren wurde – etwa in der Diskussion des Erfahrungsbegriffes - deutlich, dass das öffentliche Reden über Gefühle und die emotionale Befindlichkeit von Menschen zwar erheblich differieren konnten, die subjektive Gefühlslage aber auf kulturell vorhandene Muster angewiesen war (und ist), um überhaupt „geäussert“ werden zu können. Virulent ist weiterhin die Frage nach der Körperlichkeit von Gefühlen – dies nicht zuletzt auch im Blick auf eine geschlechtergeschichtliche Perspektivierung historischer Emotionen-Forschung.
Die Tagung will Gelegenheit bieten, diese komplexen Prozesse und Fragestellungen in geschlechtergeschichtlicher Perspektive zu beleuchten. Unter diesem Vorzeichen sind auch konzeptionelle Probleme und Möglichkeiten zu diskutieren, die etwa Schlüsselbegriffe wie Emotion(-alität), Gefühl, Diskurs, Codierung, Repräsentation und nicht zuletzt "Geschlecht" betreffen.
Die Tagung will, wie dies bislang auch üblich war, insbesondere dem "wissenschaftlichen Nachwuchs" eine Plattform zur Präsentation und Diskussion von Forschungsarbeiten bieten. Darüber hinaus wollen wir weiterhin methodologisch-theoretische Debatten initiieren oder jedenfalls intensivieren. Dies kann nur dann gelingen, wenn die einzelnen Beiträge ganz maßgeblich den Fokus auf die verwendete Methode bzw. den theoretischen Hintergrund ihres jeweiligen Forschungsansatzes legen.
Wir bitten um Vortragsvorschläge, gerade auch von jüngeren Kolleginnen und Kollegen - auch aus benachbarten historisch arbeitenden Disziplinen - im Umfang von einer halben bis max. einer Seite.
Andrea Griesebner (Wien), Maren Lorenz (Hamburg), Monika Mommertz (Berlin), Claudia Opitz (Basel)
Vortragsvorschläge, die thematisch in den Rahmen unseres Tagungskonzeptes passen, bitte bis zum 15. Mai 2005 an die folgenden Adressen, wenn möglich bitte per email:
Andrea.Griesebner@univie.ac.at
ao. Univ. Prof. Dr. Andrea Griesebner
Institut für Geschichte
Universität Wien
Dr. Karl-Lueger Ring 1
A-1010 Wien
Opitz-belakhal@t-online.de
Prof. Dr. Claudia Opitz
Hauriweg 15
D-79110 Freiburg
PS: Wir weisen darauf hin, dass von der Katholischen Akademie Rottenburg-Stuttgart für ReferentInnen i.d. Regel keine Reise- und Tagungsgebühren übernommen werden können.
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